Liebe und Sprache

Südostasien, Mitte der achtziger Jahre, in irgendeinem kleinen Dorf, das in der Bucht von Cagayan de Oro liegt. Das philippinische Inselreich steht kurz vor dem Bürgerkrieg. Eines Tages taucht dort ein in Rom lebender Deutscher auf. Missionar Mc Ellis glaubt an eine Fügung und lädt den Fremden auf die Station ein, die er noch mit fünf anderen Missionaren leitet. Schnell wird klar, was Father Mc Ellis, Father Horgan, Father Pacquin, Father Butterworth und Father Dalla Rosa vorhaben: sie wollen den äußerst attraktiv aussehenden Mister Kurt mit Mayla, „dem schönsten Mädchen weit und breit“, verkuppeln.

Mayla ist Vollwaise, wurde von den Missionaren aufgezogen und arbeitet jetzt als Köchin auf der Station. Jeder der über achtzigjährigen Missionare ist still und heimlich selbst in Mayla verliebt – einer, Father Gussmann, bricht ihretwegen sogar mit der Kirche. Da ihnen ihr Zölibat aber jede Chance auf Erfüllung nimmt, nehmen sie das Schicksal von Mayla aktiv in die Hand, treten als Kuppler auf und benutzen die sacht sich anbahnende Liebesgeschichte als Objekt ihres Voyeurismus‘ und ihres Erkenntnishungers. Sie hoffen, durch genaues Beobachten ihr Erfahrungsdefizit ausgleichen zu können. Wir Missionare wissen „von den tollen Liebesdingen ja recht wenig, und dieses wenige liege bei jedem, grob geschätzt, fünfzig Jahre zurück“, vertraut Butterworth seinem Tagebuch an. In lebhaften Diskussionen am Abendtisch und in Einzelgesprächen mit Kurt Lukas versuchen sie der Liebe auf den Grund zu kommen und rekonstruieren ihre eigenen, fast vergessenen Liebeserfahrungen.

Anders als in seinen vorangegangenen Büchern, in denen er Kältestudien betrieb, „Qualgeschichten einer überdrehten Erotik“ erzählte, wie es ein Kritiker nannte, und „Szenen aus den luxussanierten Kabinetten der Perversion“ entwarf, erzählt Bodo Kirchhoff in seinem zweiten Roman eine wirkliche und sehr sinnliche Liebesgeschichte, ohne dabei das Kirchhofftypische aufzugeben. „So wie Genet die Qualen der homosexuellen Liebe beschrieb, möchte ich das für die heterosexuelle Liebe tun“, umschrieb Kirchhoff mal sein Anliegen. „Ich bin auf der Suche nach verschärften Lebensumständen“.

Vor dem dramatischen und spannenden Hintergrund eines sich anbahnenden Bürgerkriegs (der Rückkehr des beurlaubten Father Gregorio, eines Befreiungstheologen, fiebern nicht nur die Missionare entgegen; die Entführung ihres Bischofs und die Ermordung seiner Begleiterin halten die Station tagelang in Atem) gestaltet sich der Lebensabend der Alten äußerst aufregend und kurzweilig. “… die Alten werden über Nacht zu Komplizen. Auf einmal sind sie Anstifter, Mitwisser, Kuppler, diskrete Spione und kleine Schmarotzer, unermüdliche Bewacher des Liebeslebens unter ihrem Dach.“

Mit großem Einfühlungsvermögen und erstaunlicher Sachkenntnis schildert Kirchhoff das Priesterleben: eine Mischung aus Wehmut, eingefahrenen Gewohnheiten, kleinen Lastern, erhabener Genußsucht. Dem klerikalen Leben der Missionare stellt er das pralle Dorfleben mit seiner Armut, Lebensfreude, seinen politischen Unruhen und seinem ausschweifenden Nachtleben gegenüber, das sich vor allem in der Person der Dona Elvira, einer Frau, die “ihre Seele im Zwerchfell vermutete“, und ihres ‚Nachtclubs‘ manifestiert. Der identitäts- und scheinbar heimatlose Kurt Lukas, man erfährt erst spät und nur zögerlich Bruchstücke seiner Vergangenheit, wird zum Bindeglied zwischen diesen Welten und zur großen Herausforderung der Missionare. Bei zweien von ihnen weckt er lange unterdrückte literarische Ambitionen. Butterworth und Mc Ellis werden denn auch zu den zwei wichtigsten Chronisten der amourösen und politischen Vorkommnisse auf der Insel. Der Novize Augustin, gesegnet mit einer hellen Stimme und einem „krankhaften Gedächtnis für Schlager“ wird bei seinem kurzzeitigen Besuch auf der Station schließlich zum glühenden Kontrahenten, aber auch loyalen Freund und Ratsuchenden von Kurt Lukas.

Bodo Kirchhoff, ein blendender Stilist und Sprachvirtuose, läßt seine Liebesgeschichte aus verschiedenen Perspektiven und von mehreren Berichterstattern erzählen, reflektiert innerhalb seiner Geschichte über das Schreiben selbst und (er)findet so, ganz nebenbei, eine sehr zeitgemäße Form des Liebesromans. „Was ist eine Geschichte? Wie erzählt man? Wer spricht? Es gab so viele Fragen. Bewältigung der Zeit. Bedeutung von Namen. Führung der Helden. Fluß der Sprache, Gesetze der Sprache, durfte man sie beugen, brechen? Und durfte man erfinden, lügen? Schalten und walten mit seinen Figuren? Das alles war zu bedenken, wenn man vom Schreiben keine verwegene Auffassung hatte.“ Wer Bücher von Kirchhoff kennt, wundert sich über solche Einschübe nicht. Für den an Lacan geschulten Autor kam schon immer zuerst die Sprache und dann erst die Geschichte.

Wozu ein Autor mit Sprachgefühl fähig ist, demonstriert Kirchhoff in „Infanta“ in Vollendung. Da gibt es Landschafts- und Stimmungsbilder von atemberaubender Schönheit; mit wenigen, aber äußerst präzisen Worten werden Personen, Landschaften und Atmosphäre so beschrieben, daß sie vor dem Auge des Lesers lebendig werden; ohne großes Spektakel gelingt es Kirchhoff von der ersten Seite an, den Leser magisch in den Bann seiner Geschichte zu schlagen. Die Beschreibung des Alltags auf der Station und der turbulenten Ereignisse im Dorf ist kenntnisreich und wohl authentisch, weil vor Ort recherchiert; die Skizzierung der politischen Verhältnisse ist unaufdringlich und, anders als in vielen anderen Romanen mit revolutionärem Hintergrund, nicht besserwisserisch. Letztendlich: Kirchhoff riskiert etwas, sucht neue Wege, benennt diese und kann sie – fast mühelos – auch einlösen. Zum Beispiel die Forderung von Father Butterworth: „Ein Liebesroman, meine ich, müßte dort fortfahren, wo andere zu denken aufhören, übrigens nur an ein oder zwei Stellen des Buchs, das würde mir reichen. Und die Liebesgeschichte müßte unserer Gegenwart abgetrotzt sein, nicht in irgendeiner Vergangenheit spielen. … Kühne Genauigkeit, Mister Kurt, keine sinnlose Intensität, wie wir sie im Theater antreffen. Ich wünschte mir einen disziplinierten Liebesroman.“

Wenn es eine Gerechtigkeit gäbe und Schönheit, Intelligenz, Mut und Progressivität belohnt würden – daß das nicht der Fall ist, wissen wir spätestens seit dieser Fußball-WM – dann müßte sich „Infanta“ mindestens in der Größenordnung von Garcia-Márquez-Büchern verkaufen.

Bodo Kirchhoff: Infanta, Suhrkamp, 502 Seiten, 39.80 Mark

Erstdruck in die tageszeitung, 27.7.1990