Black Maria (Engstler 1995)

Ein dünnes Heft mit einer Menge gedanklicher Sprengkraft. Ich versuche mal diesen komplizierten Text auf einen einfachen Nenner zu bringen: Was machen Bilder vom Krieg mit dem Betrachter? Wie verändert das Gesehene das Bewußtsein? In Anlehnung an die Gedanken von Paul Virilio sinniert Jürgen Ploog am Beispiel des Golfkrieges darüber nach, was die mediale Berichterstattung in unseren Köpfen anrichtet. Wenn „der Film die Rolle einer Waffe übernimmt“, eine „technogene Erweiterung der Sinne“ stattfindet, dann beginnt die Manipulation des (Zu)Sehenden. Die von den USA gesteuerte Berichterstattung im Krieg gegen den Irak war wahrscheinlich weltweit die erste Kriegsführung, die hauptsächlich über Bilder stattgefunden hat. Wer die Hoheit über die Bilder hat, wird den Krieg gewinnen. „Macht, das ist Freiheit in bezug auf die Wahl der Waffen.“ Der in den Krieg eingebettete Journalismus suggeriert dem Zuschauer, live dabei zu sein. Das ist die große Lüge bzw. der Trugschluß, dem wir heute aufsitzen. Kein Bild ist wahr, kein Bild ist echt. Jede Abbildung lügt. Das Bild „wird durch Ausschnitte ersetzt & zerfällt in zeitlich verschobene Momentaufnahmen“. Wir sehen tatsächlich nichts in Echtzeit, alles ist inszeniert. Wir sind der Montage und der vorgegebenen Information ausgeliefert.
Der Videofilmer Gary Hill hat es so formuliert: „Das Sehen ist nicht mehr die Möglichkeit zu sehen, sondern die Unmöglichkeit nichts zu sehen.“ Was ist also zu tun? Wir müssen lernen, die Enge unserer herkömmlichen Wahrnehmungsmuster zu überwinden. Ploog schreibt: „Ohne die Erfahrung der totalen Entfremdung lassen sich Bedingungen menschlichen Daseins nicht mehr darstellen.“ Letztlich geht es, wie Virilio sagt, um die „Ethik der heutigen Wahrnehmung“. Und die fordert, nach Ploog, einen großen Schritt: „Anders sehen heißt auch, ein anderer werden.“
Die symbiotische Ausstattung des Heftes von Walter Hartmann hat der Drucker leider versaut. Manches wird durch die Verwendung der falschen Farbe fast unleserlich. Das trübt leider das Vergnügen der Lektüre dieses anspruchsvollen Essays.