Sex, Slash & Trash bei Black Lizard

„Ich stieg in den Zug, mit dem ich bis zur Endstation in der Carnasie fahren wollte, als sich mir ein langer, junqer Schwarzer näherte und mich nach meiner Brieftasche fragte. Als ich mich weigerte, sagte er, daß er mich abstechen würde. Er fragte mich nochmals nach meiner Brieftasche, und ich bat ihn, mir sein Messer zu zeigen. Er zeigte es mir, und ich gab ihm meine Brieftasche. Es war eine simple Transaktion. Er hatte meine Brieftasche, ich hatte das behalten, was er mir sonst herausgeschnitten hätte.“

So vernünftig und friedlich geht es in den 20 Geschichten, die die „Crime Anthologie 1″ versammelt, sonst nie zu. In der Regel eskaliert solch eine Situation und endet in einem entsetzlichen Blutbad.

Black Lizard, ein noch ganz junger, kleiner Berliner Verlag, hat sich zur Aufgabe gemacht, hierzulande noch absolut unbekannte hard-boiled Krimiautoren aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum zu publizieren. Autoren, die in der Tradition der Schwarzen Serie schreiben und der Gegenwart ihren Sex-, Slash- und Trashtribut zollen. Für Leser mit schwachen Nerven ist das nichts. Die Stories sind schnell, dreckig und gehen immer bis zum Äußersten. Da wird nicht lange gefackelt, es geht sofort ans Eingemachte. Ein Ausschnitt der Wirklichkeit wird erbarmungslos auf den Punkt gebracht. Man mag das für übertrieben und ungerecht halten, Tatsache ist: was es gibt, das gibt es. Keine Phantasie kann so ausschweifend sein, wie die Wirklichkeit. Was diese 20 Autoren erzählen, ist (amerikanischer) Alltag. Einseitig gesehen, zugegeben, aber es gibt nun mal eine Welt, in der das Verbrechen, und das meint in diesem Fall immer Gewaltverbrechen, Mord und Totschlag, so norrnal ist wie der tägliche Schiß.

Die Stories erzählen von dem, was der Kriminalfotograf Weegee in seinen Bildern festgehalten hat: vom Leben in der Grauzone. Ursache und Wirkung sind in dieser Schattenwelt ausgeschaltet. Wen interessieren noch Wertungen? Die Autoren stellen fest und spielen die Ausgangssituationen schonungslos und konsequent durch. „Von dem Tag an, an dem du geboren wurdest, warst du schon für die Müllkippe bestimmt.” (Loren D. Estleman) “Unschuld war Frevel, Opfern war Schändung, Sinnvolles war sinnlos.” (Jim Thompson) “… und daß die Lebenshaltungskosten noch teurer waren, als das Leben überhaupt wert war.” (Michael Seidman) “Er war vollkommen frustriert. Keine netten Gedanken oder wundervollen Visionen vor dem Moment der Wahrheit. Nur die Dunkelheit eines stumpfen Lebens voller festgelegter Tätigkeiten, die so konsequent und langweilig waren, wie die mit Abführmitteln unterstützte Darmbewegung in der Geriatrie.“ (Joe R. Lansdale)

Wie beim Blues ist Verlust der Normalzustand. In diesen morbidpessimistischen Großstadtthrillern, traumatischen Hinterhofgeschichten und desillusionierten Short Stories, die von rachelüsternen Amokläufen, hinterlistigen Mordplänen, blutrünstigem Rassenhaß, faschistoiden Perversionen, von Gewerkschaftskämpfen, Kannibalismus, geldgierigen Intrigen, inzestuösen Psychopathen, durchgeknallten Otto Normalverbrauchern und eifersüchtigen Paranoikern erzählen, gibt es keine Hoffnung auf Glück. „In dieser Barbarei“ geht es nur noch ums bloße „Survival“ („Ja fürwahr, sagte Lord Lakewood, lieber der Blinde, der durch ein Fenster pißt, als der wissende Diener, der es für ihn aufmacht.“) Wenn man durch einen blöden Zufall „geradewegs in der Mitte der Hölle“ landet, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Leben oder Sterben. Dabei ist das eine so schrecklich wie das andere.

Angefangen hat das deutsche Unternehmen Black Lizard 1988 in San Francisco. Der angehende Verlagskaufmann Frank Nowatzki (25) entdeckte während einer Urlaubsreise in die ehemalige Flower-Power-Hauptstadt ein kleines Label, das genau die Literatur verlegte, die nach seinem Geschmack war. Der begeisterte Burroughs-, Bukowski und Jim Thompson-Leser Nowatzki kam von dieser Reise nicht nur mit einer amerikanischen Limousine zurück, sondern auch mit einem Plan. Er kehrte der bürgrerlichen Karriere den Rücken, schnorrte sich von der Mutter, Freunden und Banken 100000 Mark zusarnmen und rief auf der Basis eines Franchising-Vertrages mit dem kalifornischen Label Black Lizard Deutschland ins Leben.

In der Kurfürstenstraße 23 in Berlin 30 hat der Jungverleger ein standesgemäßes Domizil gefunden: das Büro liegt im Kellergeschoß, hat die Größe eines Familiengrabes, ein schießschartengroßer Fensterstreifen erlaubt einen Blick auf eine Tiergartener Parkplatzidylle. Von hier aus kämpft das Lizard-Team ums Überleben. Die 100000 Mark waren nämlich schnell aufgebraucht für die Produktion von drei Büchern, mit denen man sich 1989 auf der Buchmesse erstmals der Öffentlichkeit präsentierte.

Was sofort ins Auge sticht, sind die knallbunten, psychedelisch angehauchten Cover von Martin Wieman. Sie setzen kongenial das um, was einen zwischen den Buchdeckeln erwartet. In „Kein Glück in L.A.“ erzählt Murray Sinclair die Geschichte des Pornoschriftstellers Ben Crandel, der nicht nur jede Menge Ärger mit seinem Verleger hat („Scheiß auf die verfluchte Story! Hier geht’s um den Pussy-Preis, nicht um den Pulitzer. Mehr Soße. Absatz.“), sondern zufällig auch in eine ziemlich üble Mordsache gerät.

Peter Rabe, ein hier ebenfalls vollkommen unbekannter Autor, erzählt in „Leben im Vakuum“ eine Aussteigergeschichte. Daniel Port ist die rechte Hand eines Syndikatbosses, hat jedoch die Schnauze voll und möchte raus aus dem großen Gangstergeschäft. Sein Traum vom ruhigen Leben auf dem Lande läßt sich allerdings erst nach allerhand hinterfotzigen Transaktionen verwirklichen, denn sowohl die eigenen Leute als auch die Gegenseite sagen: Ausgestiegen wird aus diesem Geschäft nur in einer Zinkwanne.

Während Sinclair und Rabe sich mit ihren Romanen noch im Bereich des mittlerweile auch hierzulande Gewohnten bewegen, ist Jim Nisbets „Tödliche Injektion“ von einer rabiaten Düsternis, wie man sie in unseren Breitengraden noch nicht gelesen hat. Franklin Royce ist ein alkoholabhängiger Arzt, der einem zum Tode verurteilten Schwarzen die tödliche Injektion verabreichen muß. „Egal wie abscheulich das Verbrechen oder wie schuldig der Täter, die Hinrichtung sollte mit Würde ausgeführt werden. Ein Gehängter konnte zwanzig Minuten lang zu Tode gewürgt werden, vielleicht starb er überhaupt nicht, wenn beim Fall sein Genick nicht gebrochen wurde. Elektrische Hinrichtungen erreichten oft nicht sofort den gewünschten Effekt, und die Fehlschläge waren furchtbar. Zyanid funktionierte, aber man brauchte einige Zeit, es als Gas zu verabreichen, und in Anbetracht der Tatsache, daß eine Zyanid-Hinrichtung dem Staat einen Raum voll von Gas mit einer erträglichen Leiche in der Mitte hinterließ, schaffte es unangenehme Folgen, die schwer zu beseitigen waren. Darum war man dazu übergegangen, eine tödliche Substanz direkt in den Blutkreislauf des Verurteilten zu injizieren. Das war die effizienteste und für alle Beteiligten befriedigendste Hinrichtungsmethode, sowohl für den Verurteilten, als auch für die, die es beobachten mußten.“Nachdem Royce die vom Staat Texas angeordnete Hinrichtung vollzogen hat, beschleichen ihn Zweifel über die Schuld des Verurteilten. Er verläßt seine Frau und macht sich auf die Suche nach der Vergangenheit des Hingerichteten, der ihm vor seinem Tode anvertraut hatte, daß er sich freue, diesen Planeten endlich verlassen zu können, „weil ich’s satt habe, gegen eine VVelt zu kämpfen, die mich am Tag meiner Geburt verdammte“. Zusammen mit Freunden des Exekutierten, dem bisexuellen Psychopathen Eddie Lamarck und der apathischen, heroinabhängigen Hure Colleen Valdez, schlägt sich Royce durch den Alptraum Amerika. „Gerechtigkeit, sogar rückwirkende Gerechtigkeit, schien eine klare Alternative zu diesem endgültigen Verbrechen zu sein. Und während er sicherstellte, daß Bobby Mencken Gerechtigkeit widerfuhr, könnte er, dachte Royce, einen Weg finden, um ein bißchen Würde in sein eigenes jämmerliches Leben zu bringen, vielleicht sogar Rechtfertigung.“

Fast jeden der Black-Lizard-Autoren könnte man als Ein-Cent-pro-VVort-Groschenkrimi-Schreiber bezeichnen, was nicht negativ gemeint ist, denn jeder von ihnen versteht sein Handwerk. Die meisten von ihnen, allen voran William Campbell Gault, Harlan Ellison, Dennis Lyndis, Clark Howard, Joe R. Lansdale, Loren D. Estleman, Robert Edmond Alter, erzählen nicht nur superspannende Geschichten, sondern sind auch extrem gute Stilisten. Leider bleibt davon – und das ist der Wermutstropfen bei der Sache – in der deutschen Übersetzung nicht mehr sehr viel übrig. Black Lizard paßt sich hier nicht bewußt der deutschen Norm an (Die Übersetzung bei einem Krimi ist nicht so wichtig, Hauptsache, die Geschichte ist spannend!), sondern ist ein typischer Fall von Einmannfirma. Wenn das Geld äußerst knapp ist, die Verlagsschulden schon fast kriminelle Zustände erreicht haben, dann muß der Verleger halt in Personalunion auch Werbeleiter, Versandchef, Lektor, Pressekontakt und Übersetzer sein, ob er für diese Aufgaben nun prädestiniert ist oder nicht.

Frank Nowatzki und seiner Schwarzen Echse ist zu wünschen, daß er möglichst schnell schwarze Zahlen schreibt. Nur wenn sich seine Bücher gut verkaufen, wird er sich auch einen ordentlichen Übersetzer leisten können. Ein verdienstvolles Anliegen allein reicht nicht aus in einer Verlagslandschaft und in einer Zeit, in der die Winde mindestens so rauh sind, wie in den Geschichten, die er publiziert. „Um fünfundzwanzig Minuten nach Mitternacht blies der Wind in der 51. Straße so scharf, daß er dir ein neues Arschloch hätte schnitzen können. „

Ed Corman (Hg): Crime Anthologie 1, 347 Seiten, 24,80 DM; Jim Nisbet: Tödliche Injektion, 146 Seiten, 16,80 DM; Murray Sinclair: Kein Gliick in L.A., 217 Seiten, 19,80 DM; Peter Rabe: Leben im Vakuum, 142 Seiten, 16,80 DM; Ted Lewis: Schwere Körperverletzung, 220 Seiten, 19,80 DM; Derek Raymond: Ich war Dora Suarez, 220 Seiten, 19,80 DM; alle bei Black Lizard, Berlin.

Erstdruck in Die Horen, Band 165, I/1992