Obsessive Männer

»Bis ans Ende der Welt« heißt das neue Drei-Stunden-Werk von Wim Wenders. Alles an diesem turbulenten Roadmovie möchte gigantisch sein: der Jahrhundertsoundtrack, die Opulenz der Bilder, die Zukunftsvision.

Man schreibt das Jahr 1999. Trevor alias Sam (William Hurt) ist im Besitz einer Kamera, deren Bilder auch Blinde sehen können. Auf seiner Flucht vor einem australischen Kopfgeldjäger (Ernie Dingo) ist ihm die Französin Claire (Solveig Dommartin) behilflich, die gerade von zwei Bankräubern 30 Prozent einer Beute geerbt und sich von dem irischen Schriftsteller Eugene (Sam Neill) getrennt hat. Claire verliebt sich in Trevor, der sich mit einem Teil ihres Geldes aus dem Staub macht. Um ihn zu finden, engagiert sie den deutschen Privatdetektiv Phillip

Winter (Rüdiger Vogler). Bald sind hinter Trevor nicht nur Industriespione vieler Länder, sondern auch Claire, Phillip, Eugene, der immer noch in Claire verliebt ist, und noch einige andere her. Der ganze Troß hetzt über vier Kontinente um den Globus, den zu allem Unglück ein außer Kontrolle geratener Atomsatellit bedroht.

Allein diese grob skizzierte Inhaltsangabe dürfte verdeutlichen, daß man aus diesem wunderbaren Plot problemlos mehrere Filme hätte machen können. Wenders wollte den ultimativen Film drehen, herausgekommen ist dabei eine episodenhafte Melange aus Science-Fiction-, Detektiv-, Abenteuer-, Liebesfilm, Roadmovie und wissenschaftskritischem Lehrstück.

Am Anfang ist der Film sehr witzig. Wim Wenders und sein australischer Co-Autor Peter Carey, ein mittlerweile auch hierzulande renommierter Schriftsteller, haben sich mit viel Phantasie und einer Portion Fortschrittsgläubigkeit eine Welt zusammengedacht, die 1999 tatsächlich so aussehen könnte. Der gesamte Alltag der Menschen ist elektronisch beherrscht. Fast nichts mehr geht ohne Computer. Der Franzose Thierry Flamand hat das alles einfallsreich ausgestattet. Sein futuristisches Design und seine Gimmicks (und das geschickt und häufig eingebaute Product Placement) sorgen immer wieder für Lacher. Dem technologischen Erfindungsreichtum muß uneingeschränkt Lob gezollt werden. Was allerdings nicht bedeutet, daß sich der Verschnitt aus Biedermeier und Avantgarde nicht irgendwann totläuft, und man nur noch gelangweilt all die vielen Gadgets zur Kenntnis nimmt.

Noch drastischer trifft das auf die Kostüme zu, die von der Chilenin Montserrat Casanova entworfen wurden. Durch die Bank sind das Kleidungsstücke, die man auch heute schon auf extravaganteren Partys anziehen könnte. Dagegen ist nichts einzuwenden. Kein Mensch kann wissen, was wir zur Jahrtausendwende tragen werden. Störend ist nur, daß der Film penetrant mit seinen Kleidungsstücken protzt. Madame Dommartin, Wenders Lebensgefährtin, trägt fast in jeder Einstellung etwas Neues und sieht immer aus, als wäre sie gerade den Katalogen der angesagtesten Mode-Designern entstiegen.

Das größte Dilemma des Films wird am offensichtlichsten an seinem herausragenden Prunkstück: dem Jahrhundertsoundtrack. Sechzehn der derzeit angesagtesten Bands und Interpreten (u.a. U2, Talking Heads, Lou Reed, Nick Cave, R.E.M., Neneh Cerry, Patti Smith, Depeche Mode) haben eigens für diesen Film ihren “Sommerhit für das Jahr 1999” komponiert. Die Songs reihen sich in den ersten zwei Stunden wie die Perlen einer kostbaren Kette aneinander. Allein wegen dieser Musik lohnt das Sehen dieses Films. Aber Wenders Absicht, die Komponisten sollten sich “zehn Jahre in die Zukunft projizieren”, konnte keiner der Musiker überzeugend verwirklichen. Der Soundtrack ist aus dem Hier und Jetzt, und ein Großteil der Songs dürfte demnächst in den Hitparaden auftauchen.

“Bis ans Ende der Welt” ist eine typische Wenderssche Kopfgeburt. Alles, was man von ihm kennt, an ihm verehrt, ist auch in seinem neuesten Film: Das Unterwegssein seiner Protagonisten, die wunderschönen Bilder seines Kameramannes Robby Müller, die Reverenzen an die Vorbilder, die leidenschaftlichen, aber letztenendes auf verlorenem Posten kämpfenden Männer, die Sehnsucht nach den Frauen, der Vater-Sohn-Konflikt, die Angst vor dem Verlust der Bilder. Aber Wenders scheitert, wie in den zwei vorangegangenen Filmen, auch dieses Mal an dem, was er noch nie konnte: Gefühle zu inszenieren. Die Interaktion der Personen ist schablonenhaft angelegt, bleibt pure Behauptung. Die Liebe zwischen Claire und Sam ist für mich vollkommen unglaubwürdig.

Wirklich berührt hat mich dagegen die ergreifende, kleine Episode mit Ryu Chishu, der als Wunderheiler Mr. Mori die schwindende Sehkraft von Sam rettet. Der begnadete, alte Ozu-Schauspieler verkörpert eine Zeit, in der die Menschen noch die Kunst des Sehens beherrschten. Eingebettet in Bilder großer Ehrlichkeit, Natürlichkeit und Demut, ist diese Verbeugung von Wenders vor seinem Idol Ozu Yasujiro als Hommage an ein Kino der einfachen Geschichten und der klaren Bilder zu verstehen. Wenders gelingt hier in Vollendung die Umsetzung dessen, was Mr. Mori sagt: “Die Augen sehen nicht dasselbe wie das Herz.”

Die letzte Stunde von “Bis ans Ende der Welt” spielt in Mbantua, Zentralaustralien. Dort hat Sams Vater Henry (Max von Sydow) ein unterirdisches Laboratorium eingerichtet, in dem mit Hilfe eines komplizierten Verfahrens die von Sam gesammelten Bilder decodiert und für Sams blinde Mutter Edith (Jeanne Moreau) sichtbar gemacht werden können. Wenders beschwört in diesem zweiten, überwiegend sehr elegisch ausgefallenen Teil die mögliche Apokalypse, den Verlust des Sehvermögens (das darf man ruhig mehrdeutig interpretieren).

Edith kann mit Hilfe der von Henry entwickelten Kamera tatsächlich die Bilder sehen, die ihr ein Leben lang vorenthalten waren. Unter der Macht dieser Bilderflut und im Angesicht der atomaren Katastrophe, der Atomsatellit ist in der Zwischenzeit auf der Erde aufgeschlagen, will sie jedoch nicht weiterleben und stirbt. Henry ist verzweifelt und kehrt seinen Arbeitsprozeß um. Jetzt will er nicht mehr die Außenwelt für die Innenwelt sichtbar machen, sondern Träume visualisieren. Das Experiment gelingt, hat aber ebenfalls negative Auswirkungen: Claire und Sam, seine Versuchspersonen, werden davon süchtig.

Wenders bringt die Träume seiner Protagonisten in auf diese Weise noch nie gesehenen Bildern auf die Leinwand. Mit Hilfe von High Definition Video zaubert er grelle, knallige Farborgien, die einen gleichzeitig faszinieren und abstoßen. Indem Wenders diese reproduzierten Computerbilder gegen atemberaubend schöne Landschaftsaufnahmen setzt, erkennt man seine Angst und zeigefingermäßige Message: unsere Zukunft wird aus billigen Surrogaten bestehen, aus einer Inflation von Bildern. Wenn selbst das Innerste nach außen gekehrt werden, man selbst die Seele eines Menschen sichtbar machen kann, dann wird es keine Phantasie und keine individuellen Bilder mehr geben. Die Welt wird ohne Geheimnisse sein.

Mag es vordergründig betrachtet absolut faszinierend sein, seine Träume auf einem Monitor betrachten zu können, so ist dieser auch ethische Barrieren niederreißende Fortschritt in Konsequenz weitergedacht, wie Wenders sagt, “etwas ganz Grauenhaftes”.

Sam wird von einem Freund, Claire von Eugene aus der Abhängigkeit befreit. Der Schriftsteller schreibt einen Roman über Claires Geschichte und gibt ihn ihr zu lesen, nachdem er ihr zuvor die Batterien für ihren Handmonitor weggenommen und sie so auf Traum-Entzug gesetzt hatte. Das Lesen gibt Claire das Vertrauen auf die eigene Bilderwelt zurück. Claire rettet sich mit Hilfe ihrer eigenen Imagination. Was sollte auch die Schönheit der Bilder übertreffen, die die eigene Phantasie erzeugt?

Wenders neuer, technisch brilliant gemachter Film hat Schwächen, die in der Geschichte angelegt sind. Das, was er uns in opulenten Bildern zeigt, was er uns erzählen will, ist Stoff für viele anregende Gespräche und Gedanken. Bevor Edith in der Nacht zum Jahr 2000 stirbt, sagt sie zu Henry: “Du weißt genau, daß die Welt nicht in Ordnung ist.”

Erstdruck in Journal Frankfurt, Heft 10/1991