Glück & Perversion

Seit über einem Jahr liest man in den deutschen Medien über den Film „Letzte Ausfahrt Brooklyn“. Jetzt ist er fertig und läuft ab Mitte Oktober in unseren Kinos. Wolfgang Rüger war in München und hat sich dort mit Bernd Eichinger, dem Kopf des ganzen Unternehmens und Deutschlands wichtigstem und größtem Produzenten, unterhalten.

RÜGER: Was macht für Sie den Film positiv, wo sind die Lichtblicke in einem Film, der doch recht düster ist, nicht nur weil zwei Drittel des Films bei Nacht spielen?

EICHINGER: Für mich ist das eigentlich keine schwierige Frage. Ich darf vielleicht vorausschicken, daß ich auch das Buch niemals als düster oder apokalyptisch gesehen habe. Ich habe es als sehr intensive Sache empfunden, die sehr viel mit dem Leben zu tun hat, wie es sich einem bietet. Ich meine, daß sich viele Leute offensichtlich beschwindeln darin, wie es im Leben zugeht, und eher weg- als hinschauen. Ich meine, man müßte da gar nicht so zart mit sich selbst umgehen. Das Leben, auch wenn es sich in seiner ganzen Härte offenbart, ist immer noch – nicht nur noch lebenswert, sondern ist möglicherweise lebenswerter, wenn man es nicht durch eine Brille betrachtet, sondern wenn man’s so nimmt, wie’s kommt. Deswegen hat mir das Buch auch unheimlich gut gefallen.

Ich glaube einfach und hoffe, daß der Film den Gehalt des Buches widergibt. Der Hubert Selby hat eine Viertelstunde geweint nach dem Film. Offensichtlich scheint es uns gelungen zu sein, zumindest den Autor zu berühren. Der Film und das Buch sind für mich eine sehr intensive und im wirklichen Sinn eine realistische Wiedergabe dessen, was wir an Gefühlsebenen und Gefühlswelt im Leben vorfinden. Und die empfinde ich eben nicht apokalyptisch, sondern es ist ein Ringen um Glück, ich sage es jetzt mal ein bißchen pathetisch: Ich persönlich habe vom Leben nie verlangt, daß es mir jeden Tag Glück schenkt. Ich freue mich, wenn ich intensiv sein kann, wenn es ehrlich auf mich zukommt und versuche mich selber dementsprechend zu verhalten. Wenn man es so sieht, ist „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ ein Kampf um Glück. Kampf ist für mich nie etwas Schreckliches oder Verzweifeltes. Verzweiflung ist Resignation oder totales Aufgeben. Das kann ich in dem Buch nicht entdecken. Und ich hoffe, daß es auch im Film nicht der Fall ist. Die Figuren ringen um ihr Glück. Das Ringen hat etwas unglaublich Humanes. Es wird letztlich niemand als Bösewicht beurteilt oder beschimpft oder porträtiert, sondern es wird einfach festgestellt: das Abgründige, das Profane, das Lächerliche, alles eben, was Leben ausmacht.

Mich hat der Film sehr beeindruckt. Ich finde, daß dieser Film genauso gut gelungen ist wie „Der Name der Rose“. Ich habe mir einen Satz aufgeschrieben, der mir zu „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ spontan eingefallen ist: Der Film zeigt, was der Mensch aushalten muß aber auch, was er aushalten kann.

EICHINGER: Das ist wichtig. Was Sie sagen, könnte auch meine Antwort gewesen sein. Ich empfinde es als Katharsis. Um wirklich zu begreifen, wo die positiven Seiten des Lebens sind, muß ich die schlechten Seiten des Lebens erfahren haben. Wenn Sie mit Leuten reden, die immer nur lauwarm gebadet worden sind, werden Sie nie auf den Grund der Dinge kommen. Sie werden nur pseudophilosophisches Zeug zu hören bekommen. Und viele Leute reden nur pseudophilosophisches Zeug daher. Hier geht es aber gar nicht um Philosophien und Lebensanschauungen, sondern es geht um die ganz genaue Beschreibung dessen, was sich im Leben abspielt. Und da kann ich nur einen Kampf entdecken, der mit großer, großer Humanität geschildert ist. Und eben nicht, was normalerweise in der Literatur und im Film passiert, daß schlechte und gute Menschen gegenübergestellt werden, sondern er läßt einfach die Dinge des Bösen und die Dinge des Guten im Menschen in ein und demselben Menschen abspielen. Das ist für mich das Neue, und ich bin sehr gespannt, ob das funktioniert.

Für mich hebt sich „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ sehr positiv heraus aus dem, was wir augenblicklich aus Hollywood geboten bekommen, „Großstadtsklaven“ oder „Bright Lights, Big City“ um zwei Beispiele zu nennen, die alle eine sehr hohle Lebensweise zeigen, und da finde ich es sehr mutig, wenn man jetzt mit großem Budget einen Film produziert, der zum einen in den Fünfzigern spielt, und zum anderen ein proletarisches Milieu zeigt…

EICHINGER: Darf ich noch einen Satz sagen. Ich empfinde das nicht, entschuldigen Sie, wenn ich das so sage, als einen Film, der sich in den fünfziger Jahren oder nur in Brooklyn abspielt. Ich glaube, daß er unheimlich viel mit dem Lebensgefühl zu tun hat, das wir heute erleben.

Weil Sie mir gerade das Foto gezeigt haben (Fotoporträt von Hubert Selby), es ist ja auch nicht Zufall, daß der Hubert Selby jetzt ausgerechnet mit Punkern (Henry Rollins) auftritt.

Und vor allem von denen gerade erst entdeckt wird.

EICHINGER: … entdeckt wird und ihn jetzt, sozusagen nach einem viertel Jahrhundert, auf die Bühne stellen. Da treffen für mich so Sachen zusammen, die ganz merkwürdig sind, von uns kommt diese Initiative überhaupt nicht, sondern das ist passiert, ihm von einer ganz anderen Seite her angeboten worden.

Ich könnte mir vorstellen, daß man dem ganzen Inhaltlosen, das gerade über uns kommt, endlich wieder etwas Sinnvolles entgegenhält. „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ ist ja ein Film, in dem wieder mal für etwas gekämpft wird. In den anderen Filmen geht es doch nur darum, ob man Stühle baut, die, wenn man sich draufsetzt, beim ersten oder beim zweiten Mal zusammenbrechen.

EICHINGER: Wenn man sie bezahlt hat (lacht).

Ihr Film ist bewußt für den Weltmarkt konzipiert und bewußt nicht mit Stars besetzt, was ich für einen Vorteil halte

EICHINGER: Der eigentliche Grund ist, daß wir uns überlegt haben, daß man keine einzelne Person aus diesem Ensemble herausheben darf. Die Gewichtigkeit von der Ausgangsposition gesehen, mußte dieselbe sein. Wir haben uns entschlossen, einfach zu behaupten, daß der Stoff der Star ist. Deshalb haben wir Schauspieler genommen, die man zwar kennt, die aber noch keine wirklichen Stars sind. Ich bin allerdings der Meinung, daß aus diesem Film einige Stars hervorgehen werden.

Das kann ich mir auch sehr gut vorstellen. Ich finde, daß die Besetzung sehr gelungen ist und daß es sehr überzeugende Schauspielerleistungen gibt. Die gleiche Geschichte in Deutschland angesiedelt, mit deutschen Schauspielern, würde das auch funktionieren, wäre der Film dann noch weltweit verkaufbar? Ist Brooklyn als Kulisse hier genauso wichtig wie das Mittelalter in „Der Name der Rose“ und das U-Boot in „Das Boot“?

EICHINGER: So ungefähr kann man es sagen. Sie haben es jetzt genau auf den Kopf getroffen. Theoretisch gesehen könnte man es auch in Hamburg oder einer anderen Hafenstadt drehen. Wir haben das auch mal überlegt, aber wir meinen, das Buch „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ lebt, weil es im Detail lebt, weil die Figuren keine Kunstfiguren sind, sondern ganz reale Figuren mit ganz realen Dialogen und ganz realen Hintergründen. Wenn ich das jetzt alles raustransportiere, dann würde ich nur noch theoretisch auf dem Buch aufbauen, das wollte ich aber nicht, ich wollte ganz konkret auf dem Buch aufbauen. Ich wollte auch die Dialoge, die aus einem ganz konkreten Milieu kommen, genauso haben.

Genauso wie beispielsweise der Film „Der Name der Rose“ aufgrund seiner Authentizität gewirkt hat und die Kriminalgeschichte für uns nur ein Vehikel war -wegen der Kriminalgeschichte als solche hätten wir das Buch nie für 50 Millionen verfilmt – was wir glaubten, was einzigartig war an „Der Name der Rose‘ , war die extreme Authentizität, die man gespürt hat. Das Buch ist aufgrund seines unwahrscheinlichen Detailwissens, seiner Fakten und Bewegungen ein Unikat. Entsprechend sehen wir „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ als Unikat an. Das ist keine Sache, die man einfach hier rüberholen kann. Dann wäre es ein Stoff wie viele andere auch. Dann wäre es nur noch ein Sozialdrama oder so etwas. Das hat uns nicht interessiert.

Mich hat interessiert, genau dieses Buch zu verfilmen, mit genau den Leuten, die drin sind, und genau mit den Dialogen. Sie haben sicher bemerkt, daß, obwohl wir das Arrangement verändert haben, wir bei den einzelnen Szenen direkt am Buch geblieben sind. Näher kann man gar nicht mehr dranbleiben. Was anderes hätte mich auch nicht interessiert. Ich hätte den Film überhaupt nicht drehen wollen, wenn ich ihn nur nach, sagen wir mal, New York hätte verlegen müssen. Die internationale Verkaufbarkeit ist sicher eine Sache, die sich daran anhängt, aber das ist eher ein Nebenaspekt, der auch gar nicht wirklich zur Überlegung beigetragen hat. In Wirklichkeit ist es so, daß man sagt, dieses Buch hat mich so, wie es ist, fasziniert, und genau so will ich es machen.

Der Film soll ja auch in den USA gezeigt werden. Jetzt habe ich gelesen, daß derzeit dort die Zensurmaßnahmen wieder sehr rigoros gehandhabt werden. Fürchten Sie irgendwelche Schwierigkeiten mit den dortigen Zensurbehörden, haben Sie beim Drehen darauf schon Rücksicht genommen?

EICHINGER: Ich glaube, da werden sich die Leute hart tun, denn an wirklich konkreten Obszönitäten und an wirklich ganz konkreten Brutalitäten ist in dem Film nichts drin. Es ist ja nur die Atmosphäre um die Sache rum. In jedem mittelmäßigen Actionfilm haben Sie zehnmal, hundertmal mehr Blut.

Ich hatte in manchen Szenen das Gefühl, daß eine starke moralische Verantwortung der Macher im Umgang mit der Gewalt vorhanden war. Der ganze Film berührt einen deshalb so, weil permanent diese latente Gewalt vorhanden ist, sie aber nicht bis zum Exzeß im Bild gezeigt wird.

EICHINGER: Wir wollen auf gar keinen Fall die Leute im Kino verschrecken. Darum geht es uns überhaupt nicht, Wir wollen die Intensität so steigern, daß wir unsere Geschichte so erzählen können, wie wir glauben, sie erzählen zu müssen. Wir haben kein einziges Mal, wenn wir glaubten, diese Intensität erreicht zu haben, das Gefühl gehabt, wir müssen jetzt da weitergehen. Zu explizit würde bedeuten, daß die Leute einfach an einen Punkt kommen, wo sie sagen, das will ich jetzt einfach nicht mehr sehen. Mir geht’s im Kino zumindest so. Wenn ich eine Situation begriffen habe, nicht nur theoretisch begriffen habe, sondern sie innerlich fühle, und sie auch emotional spüre – das ist der Moment, der am spannendsten ist.

Ich glaube, daß der Film nichts beschönigt und trotzdem sehr verantwortlich damit umgeht.

EICHINGER: Ganz genau. Wir würden der ganzen Sache auch nichts Gutes tun, wenn wir, wie gesagt, explizit mit dem Vorschlaghammer noch mal die Leute mit dem Kopf an die Leinwand knallen,

Das Buch hat sehr starke religiöse Bezüge. Wie wichtig ist die religiöse Komponente im Film? Es gibt da ein paar sehr schöne Bilder im Film, die diesen Aspekt visuell umsetzen.

EICHINGER: Es hat weniger etwas mit Religiösem, eher mit Archaischem zu tun. Das Buch mit den archaischsten Elementen ist für mich das Alte Testament. Es ist kein Zufall, daß der Hubert Selby Zitate aus dem Alten Testament als Mottos für seine Kapitel ausgesucht hat. Denn das Alte Testament ist im wirklichen Sinne nicht religiös, sondern es regelt das Zusammenleben zwischen Menschen in einer Zeit, wo es solch eine Regelung eigentlich nicht gegeben hat, also zwischen Menschen und Gott. Es regelt auf eine gewisse Weise die im wirklichen Sinn archaischen Bedürfnisse und Grundtriebe der Menschen. Die Suche nach dem Glück ist doch letztlich nicht ein religiöser, sondern ein archaischer Ausdruck. Also die Suche nach Glück hat in dem Moment angefangen, wo die Menschen unterscheiden konnten, ob sie jetzt in einen Apfel oder in eine Birne beißen. In dem Moment hat sich eine Sehnsucht eingestellt nach Zufriedenheit, und je weiter die Geschichte fortschreitet, desto komplizierter ist diese Suche nach Zufriedenheit und wirklichem Glück geworden. Der Film zeigt ja nur die Verwirrung.

Insofern hat er religiöse Aspekte, die ich aber eher als humanitäre Aspekte empfinde. Zur Suche nach Glück gehört eben auch das Bedürfnis, Kinder zu haben oder zufrieden mit einer Familie zu sein oder sexuell seinen Neigungen nachgehen zu können oder, auf einer anderen Ebene, genügend Geld zu haben, um sich ein vernünftiges und freundliches Leben zu gestalten. Der Hubert Selby geht dem allem an die Wurzel, und wir versuchen dasselbe, insofern spielt das eine Rolle. Wenn Harry Black da hängt, dann ist er halt gekreuzigt, das ist ganz klar, das ist ganz klar (lacht).

Eine ganz kurze Frage. Selby hat eine ganz kleine Rolle als Todesfahrer, war das seine eigene Idee?

EICHINGER: Die Idee ist aufgetaucht in einer Besprechung, die wir mal mit ihm hatten. Es kam zufällig, ich weiß gar nicht mehr, wer die Idee hatte, wir saßen am Tisch so wie jetzt, und es leuchtete ihm auch sofort ein.

Es gibt im Film ein paar wenige ausgesprochen witzige, komödiantische Szenen, zum Beispiel mußte ich sehr herzhaft lachen bei der Szene, in der Tralala die Polizeireiterstaffel anführt. Sind diese Szenen ein bewußter Akt, um dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, Abstand zu den Gewaltszenen nehmen zu können?

EICHINGER: Natürlich weiß man aus Erfahrung, daß man nicht einen Schock nach dem anderen ohne weiteres hinnehmen will, man will den Leuten ja auch mal Zeit zum Durchatmen geben. Auf der anderen Seite ist es so, daß ich alle Hauptfiguren des Films liebe, und das muß ich dem Zuschauer auch zeigen. Ich versuche alles, um aus dem Hauptdarsteller, den Hauptcharakteren des Films Stars zu machen. Das war natürlich ein Starauftritt von Tralala. Bei anderen Filmen kommt die Dame des Hauses in ihrem Abendkleid die Treppe herunter. Man muß auch das Schöne in den Leuten zeigen, man muß zeigen, daß sie auch toll sein können. Im Fall von Tralala, die ja ein Star innerhalb ihres Viertels ist, darf man das nicht nur behaupten, man muß es auch zeigen.

Sie haben an anderer Stelle gesagt, der Film hätte für Sie sehr viel mit Rock’n’Roll zu tun. Können Sie das noch ein wenig konkretisieren?

EICHINGER: Der Rock’n’Roll ist auch ein sehr intensiver, fast gewaltsamer Ausdruck des Bedürfnisses nach Intensität, nach Glück und Liebe. Die Rock’n’Roll-Generation war eine Antwort auf eine etablierte Generation, die aber den Jungen keine Perspektive geboten hat, insofern daß die jüngere Generation so wie die ältere nie werden wollte. In früheren Generationen war es durchaus so, daß der Sohn in seinem Vater ein Vorbild gesehen hat und versucht hat zu erreichen, daß er so wie der werden kann. Ich gehe jetzt mal zurück in die griechische Tradition, da war der Vater ein Held im Kampf, und der Sohn wollte das auch werden. Darin hat er sein Glück und Bestreben gesehen, deshalb hat er trainiert, ist geritten usw, um so werden zu können wie sein Vater. Irgendwann ist das immer komplizierter geworden, weil die Mechanismen der Gesellschaft immer komplizierter werden, und was heute Helden sind und keine Helden, ist alles ein bißchen durcheinander gekommen.

Unsere Gesellschaft, da hat sich seit der Rock’n’Roll-Zeit ja nichts verändert, ich meine, im Prinzip hören wir heute noch diese Musik und die Musik, die daraus entstanden ist, vielleicht ändert sich’s gerade im Moment so ein bißchen, weil Sie sagen Yuppies und so, die fangen wieder an jetzt, innerhalb des Systems so ’ne Bestätigung zu finden, finde ich aber auch ganz normal, obwohl ich es auch nicht besonders mag, ist eigentlich jetzt nur eine verständliche Reaktion.

Aber in Wirklichkeit ist es so, daß ein Rock’n’Roller an den Gitterstäben des Lebens rüttelt und schreit: so will ich es nicht haben, ich will es anders haben, ich will mehr haben, ich will es intensiver haben, ich will leben, und ich will glücklich sein. Das ist für mich Rock’n’Roll. Das Wilde, das dahinter steckt, und die Abneigung und auch die Ablehnung der bestehenden Verhältnisse, das ist das, was wir bei Hubert Selby wiederfinden, der schreit ja auch rum. Insofern ist er für mich ein Rock’n’Roller, gar nicht im übertragenen, sondern im ganz konkreten Sinn,

Die Filmmusik stammt von Mark Knopfler und ist sehr kontrapunktisch eingesetzt, was ein weiteres Plus des Films ist

EICHINGER (schwärmend): Eine tolle Filmmusik, gell?

Machen Sie dem Filmkomponisten eigentlich starke Vorgaben?

EICHINGER: Ja. Erst einmal muß man den richtigen Filmkomponisten auswählen. Das sage ich immer zu meinen Kollegen, es hat ja keinen Sinn, einfach den nächsten Komponisten zu engagieren, der schon einmal Erfolg hatte. Der Vorteil bei uns ist, daß wir sehr viel Musik kennen. Ich habe dem Mark immer zugetraut, daß er eine phantastische Filmmusik machen kann. Er kommt ja vom Rock’n’Roll, allerdings ist er ein melodiöser Rock’n’Roller. Das erschien mir wirklich wichtig, daß den Bildern mit der Musik nicht noch einmal eins draufgegeben wird, sondern daß sie ein Gefühl herstellt, daß die Gefühlsebene der Charaktere, der Leute, die im Film vorkommen, durch die Musik noch mal Ausdruck findet. Das hieß für mich immer, daß es eine sehr melodiöse Musik sein soll und demjenigen, von dem ich auch wußte, daß er komponieren kann, dem hat man’s gegeben,

Jeder, der liest, hat bei der Lektüre Bilder im Kopf. Ich könnte mir vorstellen, daß es manchmal Situationen gibt, wo diese Kopfbilder nicht auf die Leinwand umsetzbar sind. Gab es für Sie schon solche Enttäuschungen?

EICHINGER: Das passiert schon, aber ich kann Ihnen sagen, da müssen Sie mich schon mit dem Hammer wegschlagen (lacht). Da muß schon etwas ganz Entscheidendes passieren, daß das mal nicht gelingt.

Das heißt, wenn Sie ein Buch lesen, dann haben Sie Bilder im Kopf, die Sie auf Teufelkommraus umzusetzen versuchen

EICHINGER: Auf Biegen und Brechen, ja.

. . . und im Großen und Ganzen gelingt das auch immer?

EICHINGER: Ja, ja, ja. Das heißt nicht, daß ich mit jedem Film einhundert Prozent zufrieden bin. Das fängt damit an, daß man einen Regisseur nimmt, den man sehr gut kennt, und daß man sich mit den Drehbuchautoren rigoros auseinandersetzt und einfach keine Ruhe gibt. Ich meine, wir haben 10 bis 15 Drehbuchfassungen geschrieben und haben um jedes Bild gekämpft und nachher beim Drehen, da gibt es wirklich keine Kompromisse, da wird so lange daran gearbeitet, bis es so ausschaut.

Der Zuschauer bringt Ihren Namen zuerst einmal wahrscheinlich immer mit spektakulären Literaturverfilmungen in Verbindung: „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, „Die unendliche Geschichte“, „Der Name der Rose“, „Das Boot“. Was muß für Sie ein Buch haben, damit Sie sagen, das ist etwas, was ich verfilmen möchte?

EICHINGER: Es muß mich selber aufregen, erst einmal. Ich merke, ein ganz simpler Vorgang, wie nach 20, 30 Seiten mein Herz anfängt zu schlagen, wenn es sich dann noch steigert und das bis zum Ende durchhält, dann ist es das, was ich machen möchte.

Noch ein Wort zur Promotion. Bereits vor einem Jahr konnte man von „Spiegel“ bis „Stern“ große Drehberichte lesen. Zumindest bei mir wurde damals schon eine große Erwartungshaltung provoziert. War das jetzt eine Ausnahme oder ist das die Zukunftsperspektive, daß man eine Großproduktion so lange im Voraus von großer Hand promotionmäßig vorbereitet, damit sie nachher erfolgreich im Kino laufen kann?

EICHINGER: Es kommen immer zwei Sachen zusammen, man muß ja unterscheiden zwischen Werbung und Interessewecken. Ich habe auf den redaktionellen Teil einer Zeitung überhaupt keinen Einfluß. Wenn Sie heute nicht zum Film kommen aus Desinteresse, kann ich gar nichts machen. Ob ein Interesse da ist, daran merken Sie schon, ob Sie mit dem richtigen Stoff zu tun haben. Als wir gesagt haben, daß wir das Buch verfilmen wollen, was eigentlich nicht mehr war als eine Pressemeldung, da ist schon etwas passiert, was eben sonst nicht so einfach passiert. Da haben Leute sofort angerufen und gefragt: was, wo, wie, was heißt das, mit wem und wann und so weiter? Das heißt, ganz merkwürdigerweise, weil wir uns das gar nicht so gedacht haben, ist dieses Buch „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ offensichtlich noch sehr stark, zumindest bei einigen Menschen, die halt heute in den Medien sitzen und dort sich überlegen, was für die Leute heute interessant sein kann, im Gedächtnis geblieben,

Der andere Punkt ist natürlich, ich finde, das gehört zum professionellen Verständnis des Filmemachens, daß ich alles, aber buchstäblich alles mache, um einer Arbeit von zwei Jahren die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die sie verdient.

Herr Eichinger, ich bedanke mich für dieses Gespräch und wünsche „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ viele Zuschauer.

Foto: Harald H. Schröder

August 1989