Wo Finsternis ins Licht fließt

Die dritte Strophe eines Sonettes von Georg Trakl lautet: „Aus eines Spiegels trügerischer Leere/ Hebt langsam sich, und wie ins Ungefähre/ Aus Graun und Finsternis ein Antlitz: Kain!“ Das Gedicht heißt „Das Grauen” und diese Verse scheinen mir geradezu prädestiniert als Motto für das Lebenswerk von Arthur Fauser. Daß Fauser die Gedichte dieses expressionistischen Dichters kennt, sie schätzt, sich ihnen verwandt fühlt, beweisen nicht nur die Radierungen, die nach Trakl in den frühen siebziger Jahren entstanden sind. Es ist eine morbide Welt, die da zu sehen ist, eine Welt des Grauens, des Elends, der Gewalt. Erhängte, Eingesperrte, Versehrte und Verletzte, Gemarterte und Geschundene, Hilfesuchende. Über einer Schwangeren thront ein Totenschädel.

Obwohl die Radierungen nur die Opfer zeigen, sind die alles beherrschenden Fragen dieser Radierungen die nach den Tätern und die nach den Auswegen. In jeder dieser Radierungen – Vendig I, Im Dorf II, Grodek II – gibt es Elemente der christlichen Mythologie. Ob Fauser ein gläubiger Mensch ist, weiß ich nicht, aber sein gesamtes Werk ist doch durchzogen von einem großen Thema: der Frage nach den sichtbaren und unsichtbaren Ordnungen im Weltgefüge. Ob Fauser die Poesie von Landschaften, die grundlegenden Wahrheiten menschlichen Daseins, visionäre Ängste oder humanitäre Verbrechen darstellt, immer versucht er, soweit das mit Hilfe der bildenden Kunst möglich ist, diese Ordnungen erkennbar und begreifbar zu machen.

Solche Bilder lassen sich selbstverständlich nicht einfach konsumieren. Um sie entschlüsseln/verstehen zu können, reicht es nicht, einfach einen schnellen Blick darauf zu werfen. Der Betrachter muß in Dialog mit ihnen treten. Auch wenn man nicht erlebt und erfahren hat, was Arthur Fauser antreibt, vermitteln einem seine Bilder auf erschreckend offenbarende Weise doch, zu was der Mensch fähig ist. „Die Vergangenheit“, sagte Fauser 1983 in einem Gespräch mit Doris Schmidt, „ist offenbar nicht vergangen, nicht so lange ich noch lebe; die Zukunft erscheint als Erinnerung, und alles wird zur dauernden Gegenwart: im Bild. „

1933 Ausstellungsverbot. Ein lapidares Wort mit grausamen Folgen, aber aus der heutigen Sicht betrachtet, kann jeder Deutsche stolz sein, der seine Biographie mit diesem Wort schmücken darf. Arthur Fauser, geboren 1911 in Kollnau/Baden, war schon in jungen Jahren ein politisch bewußter und aktiver Mensch. Auch heute noch ist der seit 1939 in Frankfurt am Main lebende Künstler ein überzeugter Pazifist. Die politischen Illusionen allerdings, die er anfänglich noch hatte, hat er spätestens im Zweiten Weltkrieg verloren. Von 1940-45 war er Soldat. In Finnland wurde er verwundet. Seine Kriegserlebnisse haben ihn bis heute nicht losgelassen. „Wenn sich Erinnerung in die Träume mischt wie im Werk von Arthur Fauser“, schreibt Doris Schmidt in ihrem Essay „Dauernde Gegenwart“, „wird Vergangenes zum Mentekel – als stünde es noch bevor. … Seine Erinnerungen an den Krieg und die Jahre zuvor im antifaschistischen Widerstand kann er sich bis heute nicht von der Seele schaffen. Das Grauen, dessen Zeuge er wurde, als Soldat in Finnland; die Typen und das Milieu, in dem er 1934 in Genua eine Zeit lang untergetaucht war, drängen sich immer wieder in die Bilder der letzten Jahre.“

Wer das Antlitz von Kain gesehen hat, der kann nicht mehr unschuldig-naiv in die Welt schauen. Bedrohung und Tod sind das zentrale Thema in den Ölbildern, Aquarellen, Zeichnungen, Litographien, Holzschnitten und Radierungen von Arthur Fauser. Es gibt zwar auch Bilder großer Kontemplation und innerer Ruhe (z.B. Roter Shawl, Zwei verhüllte Sessel, Interieur mit schwarzer Decke), aber in den allermeisten beherrschen doch Krieg, Entsetzen, Diktatur, Gewalt, Militär die Szenerie. Selbst ein Bild wie „Siesta“ (1984), das sehr hell, in gelbem, lichtem Ton gehalten ist, hat etwas Bedrohliches. Das sitzende Paar hängt wie tot in den Sesseln, die Hände und Köpfe leichenweiß.

Fauser geht den umgekehrten Weg. „Wo Finsternis ins Licht fließt“, hat das mal ein Kritiker genannt. Fauser ist, zumal in seinem Spätwerk, mit leuchtenden Farben immer sehr sparsam umgegangen. Wer die Abgründe der menschlichen Existenz in aller Drastik und Grausamkeit erfahren und erlebt hat, für den muß Hoffnung zwangsläufig ein kostbares Gut sein, mit dem man nicht verschwenderisch und leichtfertig umgeht. Aber wo fast nur Dunkel ist, da hat ein bißchen Licht/Farbe, also Hoffnung, eine viel stärkere Wirkung.

Das Fatale unserer Zeit ist, daß das Oberflächliche, das Modische, das Angepaßte, das Verkäufliche, das leicht Konsumierbare immer stärker unseren Alltag bestimmt. Die unbequemen Nonkonformisten, die sich wie Fauser den Trends standhaft verweigern, die nur an ihren Wahrheiten festhalten, die genau hinsehen und in die Tiefe gehen, die konsequent, auch um den Preis des Ignoriertwerdens, ihren Weg gehen, werden immer weniger. Die wahrhafte Kunst ist seltener im Scheinwerferlicht zu finden, man muß sie in den Grauzonen suchen. So gilt der Verdienst, das Lebenswerk von Arthur Fauser wenigstens in Katalogform der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben, auch nicht einer Galerie oder einem Verlag, sondern der Privatinitiative zweier Frauen: der Ehefrau des Künstlers und seiner Schwiegertochter, der Witwe des Schriftstellers Jörg Fauser, der die Kunst seines Vaters einmal folgendermaßen zusammengefaßt hat: „Einfachste Gleichungen werden schwer rezeptiert. Älteste Wahrheiten verderben den Schlaf

Arthur Fauser ist im besten Sinne ein altmodischer Maler, wertkonservativ in seiner Kunst und in seinen Inhalten und Überzeugungen. Er steht in der Tradition so großer und integerer Maler wie Goya, Cézanne, van Gogh, Picasso und Beckmann. In Fausers Bildern kann man noch Welt erfahren. Über ein halbes Jahrhundert kreativer und intellektueller Arbeit hat er in den Dienst eines Wortes von Cézanne gestellt, das heute aktueller denn je als Mahnung und Vermächtnis in die Zukunft reicht: „Es steht schlecht. Man muß sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet.“

Arthur Fauser: Retrospektive, 196 Seiten, 47 Mark (zu beziehen über Gabriele Fauser, Trogerstraße 17, 8000 München 80; in Ffm in den Buhas: König, Frankfurter Bücherstube, Schirn, Bücherkorb Pelz)

Mai 1990