Ich mache mir keine Illusionen
Anica Dobra gilt als Shooting Star im deutschen Filmgeschäft. Mit “Nie im Leben” und “Wildfeuer” ist sie demnächst wieder im Kino zu sehen. Unter der Regie von Rolf Silber hat sie gerade in Frankfurt die HR-Produktion »5 Zimmer, Küche, Bad” abgedreht.
RÜGER: Um was geht es in dem Film, den Sie hier in Frankfurt drehen?
DOBRA: Das ist natürlich die schrecklichste Frage, die man stellen kann, weil es für mich als Schauspielerin, das habe ich die letzten acht Jahre erfahren, sehr schwer ist, zu erzählen, worum es in einem Film geht. Man geht immer nur von sich aus, und das ist dann nur ein Teil der Geschichte. Man ist nie objektiv. Vor allem konnte ich immer wieder feststellen, daß im Endeffekt das, was ich vorher sage, nie mit dem übereinstimmt, was ich danach zu sehen bekomme.
Dann frage ich anders: Was für einen Rolle spielen Sie in dem Film?
DOBRA: (lacht) Das ist auch eine schwere Frage. Ich bin nämlich, das muß ich dazusagen, ein bißchen abergläubisch. An einem Film zu arbeiten, das ist ein Prozeß. Da ist es nur normal, daß ich auf einmal merke, daß das, was ich vor einer Woche dachte, was ich machen sollte, doch nicht so gut ist. Obwohl ich sagen muß, daß Rolf, also der Regisseur, und ich, was die Rolle in “5 Zimmer, Küche, Bad” angeht, immer in die gleiche Richtung dachten.
Nachdem ich das Drehbuch erhalten hatte, hat mir die Geschichte sehr gut gefallen. Es geht ja um Wohnungssuche in Frankfurt, in einer Großstadt sozusagen. Aufgrund des Drehbuches habe ich die Rolle angenommen. Alles, was danach gekommen ist, war praktisch mein reines Glück: Die gute Kommunikation mit dem Regisseur und dem Hauptdarsteller und überhaupt mit dem Team. Deshalb bin ich, das kann ich jetzt auch so sagen (klopft dreimal auf den Holztisch), ganz beruhigt und ganz locker, beim Drehen meine ich, und habe keine Schwierigkeit. Das soll ja eine Komödie werden, aber keine in dem Sinne, daß man sich totlacht.
Dieser Film ist eine Fernsehproduktion. Gibt es Unterschiede zwischen Fernseh- und Kinofilmen beim Drehen?
DOBRA: Eigentlich nicht. Die Unterschiede sind nicht wesentlich. Ich habe das Gefühl, daß beim Fernsehen alles schneller geht. Umso besser muß ich vorbereitet sein. Dann hat man beim Fernsehen einen Achtstundentag. Man wird also gar nicht so müde beim Drehen. Ich bin ja sonst gewohnt, immer todmüde zu sein. Zum ersten Mal habe ich jetzt bei den Dreharbeiten auch so ein bißchen Freizeit. Sonst, technisch, verläuft alles wie gewohnt, wie gehabt.
Sie spielen auch Theater. Was macht mehr Spaß: Theater oder Film?
DOBRA: Ich denke mir, daß ein Schauspieler, der im Theater gut ist, im Film perfekt sein wird. Wirklich. Dieser Schauspieler, der nur Film macht, dem fehlt was. Das Theater ist eine Art Training für mich. Ich muß immer wieder schauspielerisch denken, wenn ich Theater spiele. Ich kann mir vorstellen, wenn ich nur ein oder zweimal im Jahr einen Film machen würde, dann würde mir vieles fehlen. Sonst, was mich angeht, habe ich die gleichen Probleme, sowohl im Theater, als auch im Film, was die Rollen angeht. Was ich da mache? Wie ich das mache? Ob das gut ist? Wie lange das dauert? Ob das alles überhaupt einen Sinn hat?
Ich habe das Glück, daß ich beides machen kann. Das gibt mir die Freiheit, als Schauspieler zu wählen. Ich bin zum Beispiel fest engagiert an einem Theater in Belgrad. Das gibt mir die Freiheit auszusuchen. Ich bin nicht gezwungen, nur wegen des Geldes oder der Kontinuität eine Rolle annehmen zu müssen. Das finde ich gut. Die andere Frage ist natürlich, ob meine Arbeit, die ich mache, gut ist.
Das muß dann der Kritiker entscheiden.
DOBRA: Ja.
Wie funktioniert das momentan, wenn Sie ein festes Engagement in Belgrad haben und gleichzeitig in Frankfurt einen Film drehen?
DOBRA: In einem Stück spiele ich die Hauptrolle. Da gibt es keine Zweitbesetzung, weil ich die schon seit zwei Jahren spiele. Dieses Stück ist eine Art Hitvorstellung, da kann dann nur gespielt werden, wenn ich da bin. In anderen Stücken gibt es Zweitbesetzungen.
Wieviele Filme drehen Sie zur Zeit im Schnitt pro Jahr?
DOBRA: In dieser Theatersaison, die hat bei uns im September angefangen, hatte ich schon zwei Premieren. Das ist jetzt mein erster Film, allerdings hatte ich im September gerade einen Film in Bayern abgedreht.
War das “Wildfeuer”?
DOBRA: Das war so eine Rolle und so ein Film, von dem ich sehr viel erwarten kann, glaube ich. Das war eine Rolle, die man wahrscheinlich so alle zehn Jahre mal kriegt. Mal gucken.
Ich bin als Schauspielerin, und auch privat, eher desinteressiert, was nach dem Drehen mit dem Film passiert. Ich denke immer, das hat mit mir nichts mehr zu tun. Leider. Der Regisseur kann danach, im Schneideraum, noch sehr viel machen. Ich bin während des Drehens mit meinen Gedanken voll in der Rolle, aber danach ist alles vorbei.
Nach welchen Kriterien suchen Sie sich die Filme aus?
DOBRA: Ja, es gibt welche, aber wie die sind, ist schwer zu entscheiden. Ich bin ein Mensch, der instinktiv handelt. Ich entscheide mich manchmal auch nach dem Gefühl im Bauch. Leider habe ich ein Loch, was die deutschen Regisseure angeht. Ich kann sehr oft überhaupt nicht einschätzen, wer das ist. Ich kann mich also sehr oft nur aufgrund eines Drehbuches entscheiden. Entweder ist es dann: Aha, so etwas habe ich noch nicht gespielt, es ist etwas ganz anderes, und das ist dann schon mal eine gute Voraussetzung. Oder es gefällt mir einfach, der Stoff.
Ich kenne nicht alle Ihre Filme, aber mir ist aufgefallen, daß es eigentlich immer sehr selbstbewußte, starke Frauen sind, die Sie verkörpern.
DOBRA: Ja, das stimmt. Nicht weil ich das persönlich mag, ich glaube, schwache Frauen kann man auch sehr, sehr gut spielen, aber ich kann starke Frauen sehr gut spielen. Ich verstehe solche Frauen auch sehr gut, und ich mag solche Frauen. Ich habe vielleicht eine Vorliebe für diese Frauen, aber ich möchte nicht mein ganzes Leben lang nur eine Rolle spielen.
Es gibt da noch eine Sache: Leider werde ich immer engagiert. Ich bin ja nicht diejenige, die wählen kann. Ich kriege Drehbücher, und nach denen muß ich mich entscheiden. Ich habe beim Lesen dann einfach ein Gefühl: Aha, das ist was Gutes.
Gibt es Rollen, die Ihnen nicht angeboten werden, die Sie aber unbedingt spielen möchten?
DOBRA: Das ist jetzt etwas Irreales. So etwas gibt es bestimmt, aber ich komme überhaupt nicht auf solche Gedanken. Ich möchte ein konkreter Mensch sein, besonders weil ich Schauspielerin bin. Ich möchte nicht abstrakt sein, weil mein Beruf schon so abstrakt ist. Ich möchte konkret sein. Es ist mir lieber, aus einem Stoff, den ich habe, das Beste zu machen, als mir Gedanken darüber zu machen, was eventuell kommen könnte irgendwann einmal im Leben, aber vielleicht auch nicht. Nein, das ist auch nicht der Sinn, denke ich mir.
Aus welchen Ländern kommen die Angebote?
DOBRA: Immer noch aus Jugoslawien, sehr viel, sehr oft. Aus den
Vereinigten Staaten. Aus Frankreich. Aber wie gesagt, das ist alles im
Bereich des Abstrakten. Ich arbeite zur Zeit im deutschen Sprachbereich und in Jugoslawien. Das, was mit Frankreich und Amerika zu tun hat, ist alles mit Fragezeichen versehen. Ich mache mir keine Illusionen. Überhaupt nicht. Ich finde es gut, daß die Angebote überhaupt gekommen sind. Das ist für mich schon ein Erfolg. Weitere Ambitionen in dem Sinne habe ich nicht. Ich denke mir immer, wenn das kommen muß, kommt es wahrscheinlich. Ich möchte diesbezüglich nichts Großes unternehmen.
Welche Sprachen außer Jugoslawisch, Deutsch und Englisch sprechen Sie noch?
DOBRA: Russisch. Jetzt gerade lerne ich Italienisch. Danach will ich noch Spanisch lernen.
Die Presse hat Sie als »Belgrader Bardot« tituliert. Gefällt Ihnen das?
DOBRA: Das war nicht die Presse, das waren Journalisten, die wahrscheinlich keine Phantasie haben. Das hat mit mir überhaupt nichts zu tun. Zum Glück. Zuerst mal rein physisch habe ich mit der Bardot nicht viel gemeinsam. Und zweitens finde ich mich auch schauspielerisch überhaupt nicht vergleichbar mit irgendjemandem.
Sind Sie eine Frohnatur?
DOBRA: Ich würde sagen, ich bin eher ein Pessimist, als ein Optimist. Trotzdem anpassungsfähig, was sehr wichtig ist in meinem Beruf. Tolerant auch. Ich freue mich immer, wenn ich arbeiten kann, und deshalb diese Freude.
Ich habe Sie beim Drehen beobachtet. Vor den Takes kommen Sie mir vor wie ein Rennpferd in den Boxen. Was geht da in Ihnen vor?
DOBRA: Das ist ein schönes Bild. Das stimmt auch. Das ist einerseits die Konzentration. In dem Moment spiele ich nicht, in dem Moment bin ich einfach da, außer Kontrolle auch ein bißchen, und deshalb auch diese Bewegung, und deshalb sieht das auch so aus, und dann steckt da auch sehr viel Energie drin, weil ich stehe und auf mein Zeichen warte. Das ist zu viel Energie, und das merkt man dann wahrscheinlich. (lacht) Aber das finde ich auch gut so, für mich gibt es keinen anderen Weg.
Liegt Ihnen das Spielen im Blut?
DOBRA: Das finde ich nicht. Überhaupt nicht. Ich wollte nie Schauspielerin werden. Nie im Leben. Das war für mich wirklich eher etwas Unanständiges. Aber auf der anderen Seite wollte ich nie (lacht) was Anständiges machen. Nee, ich wollte immer einen Beruf, der mit Leuten zu tun hat. Ich wollte immer mit mir selbst etwas zu tun haben. Und auf alle Fälle nie um die selbe Zeit aufstehen müssen. Büroarbeit oder so etwas konnte ich mir nie vorstellen.
Ich wollte, das habe ich schon mal irgendwo in einem Interview gesagt, Taxifahrerin werden. Wirklich. Ich dachte mir, die verdienen ihr Geld und müssen dann zwei, drei Tage nichts mehr arbeiten. So habe ich mir das vorgestellt, das entspricht nicht der Realität, aber das wußte ich damals nicht.
Ich war nie besessen vom Theater und vom Film. Nein, überhaupt nicht. Ich war ein durchschnittliches Publikum. Dann als ich 18 Jahre alt war, haben bei uns alle studiert in Belgrad, also mußte ich auch etwas studieren. Ich habe mich dann für die Akademie für Theater und Film entschieden, aber nicht, weil ich Schauspielerin werden wollte, sondern weil ich dachte, auf der Akademie lernt man tanzen, singen, fechten, Akrobatik. All diese Sachen haben mich viel mehr interessiert als das Schauspielen selbst. Erst auf der Akademie wurde mir klar: Ich habe keine andere Alternative, ich habe keine andere Wahl.
Mein Bruder war so ein Besessener. Ich kann sagen, wahrscheinlich habe ich das von ihm. Er hat immer vom Film und vom Theater erzählt. Er ist zur Zeit in Amsterdam auf der Akademie für Werbefotografie. Er ist älter als ich.
Sie sind derzeit sehr erfolgreich. Wenn Sie überhaupt keinen Erfolg in diesem Beruf hätten, würde er Ihnen dann auch so viel Spaß machen?
DOBRA: Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht. Viele Leute machen sich schon auf der Akademie darüber Gedanken, ob sie irgendwann im Leben überhaupt eine Rolle kriegen, die gut ankommt und so. Ich habe mir diese Gedanken nie gemacht. Wahrscheinlich liegt es daran, daß ich von Anfang an nie so besessen war, Schauspielerin zu werden. Dann kam das erste Angebot und hat eine Kettenreaktion ausgelöst.
Sie sind in Frankfurt zur Schule gegangen. Was haben Sie für Erinnerungen an diese Stadt?
DOBRA: Eher schlechte. Ich kam nach Frankfurt und konnte kein Wort Deutsch. Mußte Deutsch lernen und Englisch, gleichzeitig. Ich habe nicht gerade die schlimmsten Dinge als Ausländerkind erlebt, die man sonst in Romanen so lesen kann, aber es waren schon unangenehme Sachen in der Schule. Kinder sind ja ganz brutal. Wenn sie sehen, aha, jemand kann nicht teilnehmen, weil er nichts versteht, dann geht’s los. Ich war die Hauptfigur von allen Witzen in der Klasse. Das habe ich zwar nicht verstanden, aber immer gespürt. Dafür brauchte ich keine Sprachkenntnisse. Mit der Schule selbst hatte ich nie Probleme. In Mathe und solchen Sachen war ich immer gut. Fleißig war ich auch, versuchte zumindest es zu sein. Nachdem ich die Sprache konnte, wurde ich ganz schlecht in der Schule. Das ist typisch, wenn man anfängt, zu verstehen, dann wird man ganz locker. Ich wußte ganz genau, daß ich nach vier, fünf Jahren wieder zurückkehren muß nach Jugoslawien, weil meine Mutter delegiert wurde. Sie war bei der jugoslawischen Fluggesellschaft tätig.
Frankfurt war für mich einen Zwischenstation. In der Zeit, vor zehn, fünfzehn Jahren, war Frankfurt eine große Baustelle und war nicht so schön wie heute. Ich kann mich jetzt wirklich nur freuen, daß ich wieder in Frankfurt bin und daß es mir jetzt wirklich sehr gut geht und daß ich jetzt etwas mache, was ich sehr mag, und daß Frankfurt als Stadt auf einmal auch so schön ist.
Was ist das für ein Gefühl, wenn man einen Film in einer Stadt drehen muß, an die man gar keine guten Erinnerungen hat?
DOBRA: Ich habe mich eher gefreut. Ich wollte die Stadt wieder mal sehen. Das war für mich eher eine Herausforderung: Aha, nach zehn Jahren wieder mal in Frankfurt. Mal gucken, wie’s so ist. Ich bin wirklich nur mit positiven Gedanken nach Frankfurt gekommen. Und das kommt jetzt wahrscheinlich zurück. Es geht uns gut: Mir mit Frankfurt, und Frankfurt mit mir. (lacht)
Auf welcher Schule waren Sie?
DOBRA: Das war das Elisabethengymnasium.
Haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Frankfurter Schulkameraden?
DOBRA: Nein, überhaupt nicht. Ich hatte hier praktisch auch nur eine richtige Freundin. Wie zu allen anderen auch, habe ich zu ihr aber den Kontakt verloren. Ich bin sehr faul zum Schreiben. Als ich jetzt wieder hier war, habe ich an diese Freundin gedacht, und nach zehn Jahren habe ich sie tatsächlich zufällig auf der Straße getroffen. An meinem ersten freien Nachmittag habe ich sie hier in der Stadt zufällig getroffen. Und das ist auch ein sehr gutes Zeichen. Das ist ein sehr, sehr gutes Zeichen. Sonst habe ich überhaupt keine Kontakte. Die vermisse ich aber auch nicht.
Was machen Sie abends in Frankfurt?
DOBRA: Wenn ich zwei oder sogar drei Tage frei habe, muß ich sofort nach Hause fliegen, um Theater zu spielen. Aber sonst: Spazierengehen, essen (verzieht genüßlich den Mund), das tue ich besonders gerne, essen gehen, gute Restaurants entdecken, Kino, Museen so ein bißchen. Ich nehme mir Zeit, nichts Bestimmtes. Faulenzen praktisch.
Wie schätzen Sie die derzeitige politische Situation in Jugoslawien ein?
DOBRA: Was die jugoslawische Kultur angeht, kommt leider gar nicht viel nach Deutschland durch. Das konnte ich vor allem feststellen, als es hier durchkam, daß es uns ökonomisch und politisch so dreckig geht. Ich persönlich will da nicht teilnehmen, überhaupt nicht, ich will mich distanzieren von den ganzen Sachen. Zuhause und hier auch natürlich. Das hat nichts damit zu tun, ob mich das was angeht.
Natürlich geht es mich was an, und ich bekomme das zu spüren. Besonders jetzt, wo viele Leute mobilisiert sind. Auch viele meiner Freunde. Es ist dann natürlich sehr schwer, sich zu distanzieren. Ich reagiere da emotional und nicht praktisch, nicht sachlich. Daraus kann man ersehen, daß ich einen schlechten Politiker abgeben würde. Aber ich denke, daß bei uns sehr viel auf emotionaler Basis passiert, und das ist unser Fehler. Wie das weitergeht, kann glaube ich niemand voraussehen. Ich betrachte mich als Volk sozusagen. Und ich glaube, wir sind vernünftig und normal.
Sie fliegen augenblicklich permanent zwischen Jugoslawien und Deutschland hin und her. Wenn in Jugoslawien ein Bürgerkrieg ausbrechen würde, wäre es mit den Flügen wahrscheinlich vorbei. Haben Sie solche Ängste nicht?
DOBRA: Wenn ich hier bin, habe ich mehr Angst als zu Hause. Da habe ich überhaupt keine Angst. Nee. Wahrscheinlich weil wir seit Jahren diese Situation haben. Ein Bürgerkrieg wäre natürlich ganz schlimm. Was in den Provinzen passiert ist aber praktisch schon ein Bürgerkrieg. Ein Ausnahmezustand auf jeden Fall.
Konstruieren wir einen hypothetischen Fall: Wenn es zu einem Bürgerkrieg kommen würde, wollten Sie dann lieber in Jugoslawien sein oder außerhalb?
DOBRA: Erstmal: Ich habe überhaupt keine Angst. Ich glaube nicht, daß ein Bürgerkrieg ausbricht. Ich bin sehr patriotisch erzogen worden. Wenn es jetzt fremde Truppen, fremde Panzer sein würden, dann würde ich bestimmt zu Hause bleiben und irgendwie mich und andere zu verteidigen suchen. Aber gegen mein eigenes Volk zu kämpfen, in irgendeinem Sinne, egal in welchem, nein, daran könnte ich nicht teilnehmen. Das finde ich auch sinnlos.
In einem Interview haben Sie sich selbst als “Macho-Frau” bezeichnet. Was verstehen Sie darunter?
DOBRA: Ich habe mich nicht als Macho-Frau bezeichnet. Ich habe gesagt, daß die Frau in meinem letzten Film, in “Wildfeuer”, eine Macho-Frau sei. Und ich habe gesagt, sie hat etwas von mir. Das heißt nicht, daß ich eine Macho-Frau bin. Aber, was ich unter einer Macho-Frau verstehen würde, das ist so: Auf dem Balkan, wo ich aufgewachsen bin, sind ja sowieso alle Macho, Männer, alle sind Macho. Es gibt den Begriff zum Beispiel überhaupt nicht. Macho, Männer, gibt’s nicht. Wahrscheinlich sind alle so, und wahrscheinlich ist das normal. Das gibt’s eher im Westen, in der zivilisierten Welt. (lacht) Bei uns gibt’s diesen Begriff überhaupt nicht. Macho, Mann.
Das heißt aber, daß die Frauen auch anders sind. Sie müssen ja irgendwie anders sein, wenn sie seit Jahrtausenden mit Machomännern leben. Dann sind sie auch irgendwie stärker und vielleicht brutaler, aber auch sensibler und stolz und temperamentvoll, heißblütig. Das verstehe ich unter einer Macho-Frau. Eine selbstbewußte Frau, die sich allein durch das Leben kämpfen muß. In dem Sinne. Ich bin das überhaupt nicht. Aber trotzdem nehme ich mir alle Rechte.
Ihre Filmkarriere hat praktisch über das Theaterspielen angefangen?
DOBRA: Ja. Ich habe viel Theater gemacht, zu Hause in Belgrad, nach der Akademie und während der Akademie, ich habe kontinuierlich klassische Rollen gespielt, Brecht und Shakespeare, und dann kam ein Filmangebot, also Probeaufnahmen. Das war eine Hauptrolle, und für diesen Film habe ich sofort eine Auszeichnung als beste Schauspielerin des Jahres bekommen. Den Film haben praktisch alle Produzenten gesehen. Der erste deutschsprachige Film, den ich gemacht habe, das sollte eine Coproduktion werden. Und dieser jugoslawische Produzent hat mich praktisch für die Hauptrolle vorgeschlagen.
Das war “Rosamunde”?
DOBRA: Das war “Rosamunde”, genau. Ich selbst habe da wieder nicht teilgenommen. Das kam einfach so. Die kamen nach Belgrad, und wir haben geredet. Die haben nicht mal gewußt, ob ich Deutsch kann. Das hat sich für die einfach so rausgestellt. Das war wirklich eine sehr gute Rolle, für die ich dann auch den Bayrischen Filmpreis gekriegt habe. Das war wirklich eine sehr, sehr gute Rolle. Ein sehr gutes Drehbuch. Das kam einfach so nach fünf, sechs Jahren Theater und Film, Film und Theater in Belgrad, kam dann Deutschland. Das war nicht absichtlich. Ich konnte das auch nicht ahnen, hier in Frankfurt vor zehn Jahren.
Dominik Graf hat Sie dann wieder über “Rosamunde” entdeckt?
DOBRA: Genau. Er hat Ausschnitte gesehen aus “Rosamunde”, dann haben wir Probeaufnahmen gemacht. Er hat mir Szenen geschickt, und dann habe ich so drei, vier Varianten im Kopf gehabt, dann haben wir die auch gemacht, und dann als ich das Drehbuch bekommen habe, habe ich festgestellt, ihh, daß die Probeaufnahmen total falsch waren und meine drei, vier Varianten auch.
Wie groß sind die Einflüsse des Schauspielers auf die Rolle, die ein Drehbuch festlegt?
DOBRA: Ich gehe immer davon aus, der Regisseur hat Recht. Der
Regisseur ist mein einziges Publikum, das ich habe. Er ist der Objektive. Wie er es sieht, daran muß ich glauben. Alle meine Fragen, die ich habe, das muß ich ja alles vorher, bevor wir anfangen, regeln. Das muß ich vorher wissen, weil ich nur so Vertrauen in den Regisseur haben kann. Erst dann, wenn ich Vertrauen zum Regisseur habe, kann ich die Rolle mitgestalten. Ich muß mitgestalten, aber praktisch weitergestalten. Der Regisseur hat die Grundrisse gemacht, und ich mache dann weiter. Wenn ich sagen würde, nein, das ist völlig falsch, ich würde das ganz anders machen, würde ich die Rolle nicht akzeptieren. Das würde für mich dann heißen, das ist etwas, was ich nicht machen möchte, wenn ich es ganz, ganz anders machen möchte. Insofern ist das für mich sehr wichtig. Ich bin auf ihn angewiesen, genauso wie er auf mich. Wir müssen zusammenarbeiten. Er muß sich freuen oder nicht freuen, aber er muß auf mich reagieren. Seine Reaktion kann auch negativ sein, das kann mich wirklich auch motivieren, dann kann ich es vielleicht ganz anders machen. Das funktioniert bei mir auch. Bei mir funktioniert auch hundert Mal proben und vierzehn Mal drehen und dann trotzdem beim fünfzehnten Mal das Beste daraus zu machen.
Ist Ihnen ein Regisseur lieber, der Sie ganz eng an die Leine nimmt oder die Zügel eher locker läßt?
DOBRA: Ich habe beides erlebt. Bei Dominik hatte ich einen Freiraum, ich konnte da sehr viel vorschlagen und anbieten. Er hat das auch von uns Schauspielern erwartet. Wir konnten wirklich auch sehr viel erfinden. Da fühlte ich die Verantwortung aber auch sehr viel mehr. Bei Dominik hat das sehr, sehr gut funktioniert. Wir haben am Drehort, am Motiv erst Mal geprobt, erst dann kam der Kameramann und dann kam die Auflösung.
Bei “Wildfeuer” war’s grade andersherum. Ich wußte schon vor Drehbeginn genau, wie die Szene aussehen wird. Es war alles ganz genau klar. Das hieß für mich, aha, ich muß mich jetzt anpassen. Dann habe ich das aber auch genauso gemacht. Ganz locker, ohne Probleme. Das fand ich dann aber auch gut, weil ich mich sehr gut vorbereiten konnte. Ich wußte, aha, die Kamera ist so, ganz nah, aha, dann mache ich zum Beispiel den Blick so, weil in der nächsten das kommt. Ich wußte immer genau, was als nächstes kommt. Beim Dominik war’s eher eine Überraschung.
Bei Dominik Graf ist wahrscheinlich die Besonderheit, daß er früher selbst Schauspieler war.
DOBRA: Dominik ist ein sehr, sehr guter Schauspieler. Ich mag es zum Beispiel nicht, wenn die Regisseure vorspielen. Wenn der Regisseur allerdings vorspielen kann, und zwar übertrieben und witzig, dann weiß man immerhin, in welche Richtung das gehen soll, man weiß dann, um Gottes Willen, nur nicht so spielen, sondern eher das Gegenteil. So etwas zum Beispiel macht der Dominik. Er ist ein sehr witziger Schauspieler. Wahrscheinlich deshalb hat es funktioniert. Er ist wirklich ein tolles Publikum.
Wenn Sie ein exaktes Drehbuch haben, dann läuft der Film praktisch vor Ihrem geistigen Auge schon ab?
DOBRA: Ja, genau. Ich habe mir zum Beispiel die Muster von “Wildfeuer” nie angeschaut. Ich habe keinen Quadratzentimeter gesehen, nichts, und trotzdem kann ich mir sehr gut vorstellen, wie der Film wird. Bei “Spieler” konnte ich es nicht wissen. Ich war sehr überrascht, als ich den Film gesehen habe. Angenehm zum Glück.
Wenn Sie so ein visuelles Auge haben, könnten Sie sich dann auch vorstellen, selbst Regie zu führen?
DOBRA: Noch nicht. Ich muß noch reifer und toleranter werden. Dann vielleicht irgendwann einmal. Der Regisseur muß sich ja immer wieder entscheiden können, er muß sich immer wieder entscheiden. Schon bei der Besetzung. Er muß sich entscheiden, nehme ich jetzt die oder die. Dann beim Drehen. Wenn ich mit einem Vorschlag komme, muß er sich immer wieder entscheiden. Ich kann das immer noch nicht. Als Schauspieler muß ich das zum Glück nicht. Das kann ich noch nicht, deshalb kann ich noch kein guter Regisseur sein. Momentan. (lacht)
Gibt es für Sie einen absoluten Lieblingsregisseur?
DOBRA: Nein. Das kann ich sogar generalisieren. Schon in der Pubertät war es so, daß ich keine Vorlieben hatte. Sänger, Rockgruppen, Schauspieler oder irgendetwas.
Würden Sie sich als ehrgeizig bezeichnen?
DOBRA: Überhaupt nicht. Ich bin so faul. Ich habe nur Ehrgeiz, wenn mir etwas gefällt und wenn ich motiviert bin, dann kann ich wirklich alles machen, dann würde ich mir die Haare abschneiden, ich weiß nicht, zehn Kilo zunehmen, zehn Kilo abnehmen, auch ganz radikale Sachen machen. Das heißt dann aber auch wirklich für den Film. Nach dem Film sinkt mein Interesse aber total. Dann denke ich, ah, super, jetzt kann ich endlich schlafen und faulenzen und nichts machen. Ich lebe praktisch nicht für die nächsten Rollen, sondern für den nächsten Urlaub. (lacht laut) So ist es. Ah, wann kommt das, das ist meine Freude.
Erstdruck in
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