Angel Face

R. Otto Preminger; USA 1952; mit Robert Mitchum, Jean Simmons, Mona Freeman, Herbert Marshall, Leon Ames u.a.

Es ist vor allem ganz kleinen Filmverleihern zu verdanken,  daß Filme wieder ihren Weg in die Kinos finden, die man sonst allenfalls noch kurz vor Mitternacht in irgendeinem dritten Fernsehprogramm sehen kann. Die winzige Münchner Von-Filmedition ist ein Verleih, der uns in der Vergangenheit bereits mit der Wiederentdeckung solch herausragender Filme wie Rays „Lusty Men”, Tourneurs „Out of the Past” und Viscontis „Ossessione” beglückt hat. Jetzt bringt Von, die ihren Namen einem Kämpfer für das Kino par excellence entliehen haben – Erich von Stroheim, einen weiteren Klassiker der Filmgeschichte wieder auf deutsche Kinoleinwände: Premingers Film noir „Angel Face“..

Der Plot ist schnell erzählt: Bei einem Einsatz lernt der Ambulanzfahrer Frank (Robert Mitchum) Diane (Jean Simmons) kennen. Das Mädchen aus reichem Haus liebt ihren Vater abgöttisch und haßt mit gleicher Leidenschaft ihre Stiefmutter, von deren Geld Vater und Tochter gleichermaßen abhängig sind. Um der Abhängigkeit ein Ende zu bereiten, plant Diane den Tod ihrer Stiefmutter. Als Mörder versucht sie Frank, den sie als Chauffeur des Hauses und ihren Liebhaber engagierte, zu gewinnen. Doch der scheint den Plan schnell durchschaut zu haben und will nicht mitmachen .

Alles an „Angel Face“ läßt den Kinoliebhaber schwelgen. Der Film hat eine rasante Geschichte, die perfekt und in knappen, lakonischen Dialogen erzählt wird. Die Kameraarbeit von Harry Stradling ist wunderbar. Die Musik stammt von Altmeister Dimitri Tiomkin. Regie führte der 1906 in Wien geborene Otto Preminger, der Hollywoods Filmindustrie mehr als ein Dutzend Filmklasssiker beschert hat. (In Frankfurt läuft dieser Tage als Wiederaufführung auch sein Breitwandepos „Exodus“ mit Paul Newman in der Hauptrolle.) Er galt unter Fachleuten als der einzig wirklich unabhängige amerikanische Filmemacher, der bei den Major Studios unter Vertrag stand. Vielleicht war er deshalb als Despot verschrien, weil er die komplette Kontrolle über alles, was er tat, durchsetzte und sie auch nicht aufgab, nachdem der Film im Verleih war. Premingers wichtigstes Anliegen war es immer, objektiv, ohne jedes Gefühl zu sein. Er wollte eine Geschichte erzählen und nur das zeigen, was effektiv dafür wichtig war. „Er lehnt jede stilistische, emotionale oder narrative Verzerrung ab. Er gibt uns über seine Figuren nicht mehr Informationen, als was wir aus ihren Handlungen schließen können“ schrieb Paul Meyersberg. Um das zu erreichen, sind herausragende Schauspielerleistungen vonnöten, und die hat „Angel Face“ zweifelsfrei.

„Leichenjockey” Mitchum ist in diesem Film in seinem Element. Wie so oft in seinen Filmen hat man das Gefühl, daß er mehr weiß als das Publikum, ohne daß es ihm gelänge, einen brauchbaren Sinn in die Ungereimtheiten zu bringen, die ihm seine Umwelt aufbürdet. In keinem seiner anderen Filme ist er mit solch einer traumwandlerischen Selbstsicherheit ins Verderben gerannt wie hier. Das fängt schon damit an, daß er sich den ganzen Film über nicht für eine der beiden Frauen entscheiden kann, die er zu lieben vorgibt. Er läßt sich einfach treiben, hofft auf eine Entscheidung des Schicksals, ist letztlich aber immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Dabei hat er klare Vorstellungen von dem, was er gerne möchte: eine eigene Autowerkstatt und „Niemals der harmlose Dritte zu sein, denn dem geht’s dreckig.”

Jean „Angel Face“ Simmons ist die Frau, der man von Anfang an kein Wort glaubt und die alle ins Verderben reißt. Mitchum fragt sie eingangs: “Sie trinken nicht, Sie rauchen nicht, wie alt sind Sie?“ Sie ist alt genug, um zu wissen, was sie will und vor allem, wie sie es erreichen kann. Um ans Ziel zu kommen, sind ihr alle Mittel recht. Sie ist dunkelhaarig und ihre Konkurrentin, Mitchums Verlobte, blond. Das ist die klassische Konstellation. Die Dunklen sind im Film noir im Vorteil, sie sind gerissener und sinnlicher. Während die artige Blonde „einen Ehemann möchte und keinen Wanderpreis“, weiß die verführerische Dunkle, wie man Männerherzen verrückt macht. Die von Produzent Howard Hughes extra für seine weiblichen Stars kreierten BHs kommen in solchen Situationen besonders gut zur Geltung. Merke: Eine atttraktive Dunkelhaarige, die in provozierendem BH und knalleng sitzendem Pulli eine Treppe herunterkommt, ist gefährlich und bringt nie etwas Gutes. Jean Simmons ist die Verkörperung einer der unberechenbarsten Frauentypen im Film noir: hintertrieben, erotisch, ehrgeizig, gierig, haßerfüllt, einsam – und verliebt. Eine tödliche Mischung aus Femme fatale und Baby Doll.

Preminger hat dieses Netz aus Lüge und Leidenschaft virtuos in Szene gesetzt. In oftmals langen, ruhigen Einstellungen zeigt er die Protagonisten in Aktion, an Orten, die die Verlorenheit und Einsamkeit im Labyrinth von Alptraum und Wirklichkeit mehr und stärker verdeutlichen als bedeutungsschwangere Dialoge. Wenn man Jean Simmons durch die leeren Räume ihres großen, ausgestorbenen Hauses gehen und am Schluß auf einem Schachbrett nach dem König greifen sieht, dann vermittelt das eine Ahnung von der unerträglichen Sehnsucht dieser einsamen, ungeliebten Frau.

„Die Beziehungen zwischen den Personen schaffen einen geschlossenen Kreislauf des Austausches, aus dem nichts sich dem Zuschauer anbiedert“, hat Jacques Rivette geurteilt. „Angel Face“ ist ein großer Film über die Verstrickung der Gefühle in einer von Geldgier und enttäuschter Liebe beherrschten Situation. Neben dem Vergnügen, den er dem Zuschauer bereitet, vermittelt er noch eine Lehre: Ein Mann sollte nie Champagner einschenken, wenn er neben einer Frau am Steuer sitzt, schon gar nicht, wenn diese ein Engelsgesicht hat.

Erstdruck in Auftritt, Heft 7-8/1987