Die Suche nach der Möglichkeit des Glücks inmitten der Barbarei
Welche Beglückung, alten Freunden, die man viele Jahre nicht gesehen hat, wieder zu begegnen. Das Gespräch da fortzuführen, wo es damals geendet hat, und festzustellen, daß alles beim Alten ist, als hätte es die Zeit dazwischen nicht gegeben. Lieblingsautoren gehören zu den Freunden, und Bücherlesen ist ein Gespräch zwischen Leser und Autor. Der Kolumbianer Alvaro Mutis ist einer meiner besten Freunde. Ich kenne ihn seit Jahrzehnten. Sein von ihm erfundener Maqroll, der Gaviero, ist neben Hoke Moseley mein liebster Romanheld.
Mutis wurde 1923 in Bogota geboren. Während seiner Kindheit lebte er einige Jahre in Brüssel, wo sein Vater als Diplomat tätig war. Seine Ferien verbrachte er auf der Finca seines Großvaters im Department Tolima in Kolumbien. Vor allem die Zeit dort hat ihn nachhaltig geprägt. „Alles, was ich geschrieben habe, ist dazu bestimmt, diesen Flecken heißer Erde zu feiern, aus dem all meine Träume, meine Wünsche, meine Ängste und mein Glück stammen.“
Nach dem frühen Tod seines Vaters ließ sich seine Mutter mit ihren Kindern 1932 wieder in Bogota nieder. 1956 mußte Mutis wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten während seiner Anstellung als PR-Chef bei Esso Kolumbien verlassen, übersiedelte nach Mexiko, wurde in Abwesenheit verurteilt und verbüßte dann 1959 dafür im berühmt-berüchtigten mexikanischen Lecumberri-Gefängnis 15 Monate Haft. Eine Schule fürs Leben. „Ich saß dort mit den schlimmsten Kriminellen, die man sich vorstellen kann. Doch sie haben mir die wichtigste Erkenntnis meines Lebens vermittelt, die auch das Leitmotiv von Maqroll geworden sind: Nimm die Menschen, wie du sie erlebst, und richte nie über das, was sie getan haben.“
In Mexiko schloß er sich der Autoren-Gruppe um die Kolumbianer Fernando Vallejo und Gabriel Garcia Marquez an. Mit Garcia Marquez verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Zeitweise unterstützte Mutis seinen mittellosen Schriftstellerkollegen materiell und inspirierte ihn sogar zu einem erfolgreichen Roman. Die Widmung in „Der General in seinem Labyrinth“ lautet: „Für Alvaro Mutis, der mir die Idee für dieses Buch geschenkt hat.“ Und in „Die letzte Fahrt des Tramp Steamer“ findet sich die Widmung: „Für G.G.M. diese Geschichte, die ich ihm schon lange erzählen wollte, im Getöse des Lebens aber nicht erzählen konnte.“
Mutis war in diversen Berufen tätig, oft Jobs, in denen er viel unterwegs sein mußte. Geschrieben hat er nebenher, vor allem Gedichte. „Auf jeden Fall habe ich durch mein Dasein als Reisender viel freie Zeit, Zeit zu schreiben, auf den Flughäfen, an Bord der Flugzeuge, in Hotels.“ Schon in seinen frühen Gedichten taucht die Figur des Gaviero (das ist der Mann, der auf Schiffen im Mastkorb Ausschau hält) auf, den er in seinem Alterswerk dann zum Helden von sieben Prosatexten macht. Maqroll wird zu seinem alter ego: „Der Ärmste nimmt alles auf sich, was ich gern gewesen wäre, was ich hätte sein müssen und wozu ich nicht fähig war.“
Was ursprünglich nur als prosaische Ausformulierung eines Gedichts geplant war, wächst sich innerhalb von sieben Jahren zu einer gut 800 Seiten umfassenden Saga aus („Die Abenteuer und Irrfahrten des Gaviero Maqroll“). „Ich lege mir keinen Plan zurecht. Jeder Roman ist das Ergebnis einer Notwendigkeit, des Drucks, den die Romanfiguren auf mich ausüben. Sie selber sind es, die ihr Schicksal gestalten, ihre Reisen, die Begebenheiten, und ehe ich mich versehe, halte ich einen Roman in Händen samt Materialresten für einen nächsten.“

Im ersten Buch „Der Schnee des Admirals“ sucht der Lyriker Mutis noch nach der sprachlichen Eleganz des späteren Romanschreibers. Thematisch ist aber alles schon angelegt, was die gesamte Saga durchzieht. Maqroll ist auf dem fiktiven Fluß Xurando stromaufwärts auf einem abgetakelten Kahn unterwegs auf der Suche nach einem Sägewerk. Irgendwo hat er aufgeschnappt, daß man schnell und leicht Geld mit Holztransporten verdienen kann. Gerade wieder einmal mittellos leiht er sich Geld von seiner Freundin Flor Estevez und macht sich auf die Reise ins Ungewisse. „All dies ist absurd, und ich werde nie erfahren, warum ich mich auf dieses Unternehmen eingelassen habe“, schreibt er schon am ersten Tag in sein Tagebuch, in dem er die gesamte Reise dokumentiert.
Auf der ganzen trostlosen Fahrt mit ungewissem Ausgang liegt Maqrolls größte Herausforderung darin, Antriebe zu finden, „um der Apathie und der lähmenden, gleichgültigen Stumpfheit zu entkommen, in der ich mich mit einer erschreckenden Trägheit eingenistet hatte“. Innerhalb der kleinen Schiffscrew gibt es Spannungen, die Fahrt durch den dichtbewachsenen Urwald erzeugt Depressionen, nachts hat er Alpträume und Visionen, ein paar Indios tauchen auf und verschwinden wieder, zwei Mann der Besatzung werden von der Polizei abgeholt und über dem Urwald aus dem Helikopter geworfen. Schließlich erhängt sich der Kapitän des Schiffes und als sie das Sägewerk erreichen, muß Maqroll feststellen, daß dort gar kein Holz verarbeitet wird.
Maqroll ist ein intelligenter Zeitgenosse, der in der Lage ist, sein Tun philosophisch zu reflektieren. Er weiß um seinen ewigen „Hang zum Scheitern“, er kennt die Mechanismen seines Handelns („Immer ist mir bisher das Gleiche passiert: Die Unternehmen, in die ich mich stürze, tragen das Stigma des Unbestimmten, den Fluch einer listigen Wandlung.“) und kämpft sisyphosgleich gegen die Vorherbestimmung.
Trost spendet eigentlich nur die Natur. „Von daher rührt die heilsame Wirkung der Wälder, der Wüste oder der weiten Meere.“ Euphorisch wird er nur, „wenn ich mich dem warmen Land nähere, dem Klima der Kaffeepflanzungen, Bananen, reißenden Flüsse und der unaufhörlichen, einschläfernden nächtlichen Regenfälle“. Dann übermannen ihn auch Träume, in denen er sich stark genug fühlt, selbst Napoleon nach der verlorenen Schlacht von Waterloo Ratschläge für sein weiteres Vorgehen zu geben.
Immer wieder gibt es in Mutis Texten historische Einschübe. Das (frühe) Mittelalter ist seine Passion. Maqroll ist wie Mutis der Meinung, daß sich die Auswirkungen lange zurückliegender Ereignisse bis in die Gegenwart ableiten lassen. Das Fazit dieser Erkenntnis ist niederschmetternd. Der Mensch lernt eigentlich nichts dazu und entwickelt sich im Großen und Ganzen nicht wirklich weiter. Mutis hat das in einer Selbstauskunft sarkastisch auf den Punkt gebracht: „Politik war nie meine Sache; ich habe nie gewählt, und das letzte Ereignis auf dem Felde der Politik, das mich zutiefst beschäftigte und mich auf reine, aufrichtige Weise umtrieb, war die Eroberung Konstantinopels durch die Türken am 29. Mai 1453. Auch muss ich erkennen, dass ich den Gang des Salierkönigs Heinrich IV. nach Canossa immer noch nicht überwunden habe, als er sich im Januar 1077 dem Papst Gregor VII. zu Füßen warf – diese Reise hatte allzu unselige Konsequenzen für das Abendland. Sie sehen also, ich bin ein Anhänger des Heiligen Römischen Reiches, ein Monarchist und Legitimist.“
Nun könnte man meinen, ein Mensch, der sich über all das im Klaren ist, müßte am Leben verzweifeln. Das Gegenteil ist bei Maqroll der Fall. Er genießt das Leben in vollen Zügen, akzeptiert die Ausweglosigkeit des Schicksals. Im ersten Kapitel des zweiten Buches heißt es: „Stattdessen vermittelte er stets den Eindruck, sein ausschließliches Ziel, das ihn ganz erfüllte, bestehe darin, die Gegenwart mit all dem zu bereichern, was ihm über den Weg lief.“ Seine Lebensmaxime ist: Fatalismus gepaart mit Anarchismus. „Es war offenkundig, und diese Einschätzung haben andere geteilt, die ihn mindestens so gut wie wir kennen, dass Verordnungen, Prinzipien, Anweisungen und Vorschriften, deren Gesamtheit man als ‚das Gesetz‘ zu begreifen pflegt, für Maqroll keine weitere Bedeutung besaßen und ihn in keinem Moment seines Lebens beschäftigten.“
Alles, was er anpackt, ist getrieben von dem Verlangen nach Erfüllung und dem Wissen um die eigene Sterblichkeit. „Es geht vielmehr darum, bei vollem Bewusstsein und mit wachen Sinnen die unmittelbare und unwiderlegbare Nähe des eigenen Todes, das unwiderrufliche Ende unserer Existenz wahrzunehmen.“ Alle seine Abenteuer sind darauf ausgerichtet, „den Zufall zu provozieren, um seine Grenzen zu erproben“. Sein Bemühen ist es, dem Leben ein Maximum Glück abzutrotzen und zu wissen, wie man selbst im Angesicht des Todes mit Anstand „inmitten der boshaften und blinden Horde der Mitmenschen durchs Leben geht“.
Konnte man dem ersten Roman noch das Tasten nach der richtigen Form ansehen, sind die nächsten vier von großer stilistischer Eleganz. In „Ilona kommt mit dem Regen“ strandet der vollkommen abgebrannte Maqroll in Panama, begegnet zufällig einer alten Liebe, die ihm nicht nur materiell auf die Beine hilft, sondern ihm auch wieder „das Vertrauen in den Zufall und den Glauben an das Unerwartete“ zurückgibt. Zusammen eröffnen sie ein Bordell, in dem die Huren in Stewardessenuniform arbeiten. Mutis läuft hier zur Hochform auf, was die Schilderungen von erotischen Verwicklungen und die Verstrickungen komplizierter Liebesverhältnisse angeht. Liebende sind zu den ungeheuerlichsten Taten fähig – Dinge zu tun, die vorher undenkbar waren; bereit, sich selbst zu opfern; andere mit in den Tod zu reißen. Mutis spielt in diesem Roman die gesamte Klaviatur der Gefühle durch. Der Leser rast auf einer Achterbahn der Erotik.
„Ein schönes Sterben“ schließt die Romantrilogie mit Maqroll als Hauptfigur ab. Der Gaviero strandet in La Plata und mietet sich im Haus der blinden Dona Empera ein. Sie wird ihm eine wertvolle Ratgeberin in seinen kommenden Unternehmungen und führt ihm Frauen zu, die ihm helfen, nicht depressiv zu werden. „Bei diesen Liebschaften verfuhr er ähnlich wie die Alchimisten, denn sie dienten ihm dazu, einige unentbehrliche Sehnsüchte in seinem Inneren lebendig zu halten und zu verhindern, dass sie von der faden Gegenwart angesteckt würden oder die Kraft verlieren könnten, ihn vor dem langsamen Abgleiten ins Nichts zu bewahren, dessen unausweichliche Gegenwart ihn häufig quälte.“
„Mit unverzeihlicher Naivität“ läßt er sich auf ein dubioses Geschäft ein. Gegen gute Bezahlung soll er Kisten mit wertvollen Instrumenten für den Eisenbahnbau auf ein Hochplateau in den Kordilleren bringen. In seinem „unermüdlichen Hang zum Vagabundieren“ wird er unfreiwillig zum Waffenschieber und gerät zwischen die Fronten von Militär und Guerilla. Sein unbedachtes Handeln bringt ihn schließlich ins Gefängnis, kostet seiner großen Liebe Amparo Maria und anderen seiner unschuldigen Helfer das Leben und bringt den Bürgerkrieg zurück nach La Plata, eine der vielen Siedlungen, „die am Rande des mächtigen Flusses dahinvegetierten, ohne Sinn noch Zweck ihrer banalen und eintönigen Existenz zu kennen“. Am Ende des Buches bleibt offen, ob Maqroll seine Sorglosigkeit dieses Mal mit dem Leben bezahlen muß.
Im Mittelpunkt von „Die letzte Fahrt des Tramp Steamer“ steht die Liebesgeschichte zwischen Jon Iturri und Warda. Der fünfzigjährige Kapitän heuert auf der „Alcion“, dem Schiff von Bashur Abduls jüngerer Schwester, an und verliebt sich in die halb so alte Schiffseignerin. Der Chronist Maqrolls und Erzähler dieses Buches, den man eigentlich mit Mutis gleichsetzen kann, begegnet in vier weit auseinander liegenden Häfen diesem abgewrackten Tramp Steamer und entwickelt zu dem Schiff eine tiefe Zuneigung. Jahre später trifft der Erzähler einen Mann, der sich als der Kapitän der „Alcion“ herausstellt und ihm auf einer mehrtägigen Flußfahrt das Schicksal des Schiffes und seiner tragischen Liebe zu Warda erzählt. „Die Menschen, dachte ich, verändern sich so wenig, bleiben so sehr sie selbst, daß es seit dem Anfang aller Zeiten nur eine einzige Liebesgeschichte gibt, die sich in Unendlichkeit wiederholt, ohne ihre schreckliche Einfachheit, ihr unvermeidliches Unglück zu verlieren.“

Mutis schildert Maqroll, „der ein alter Freund von mir war und dessen vertrauliche Mitteilungen und Erzählungen ich seit vielen Jahren sammle“, in all seinen charakterlichen Nuancen. „Er ist ein Mann von tiefer, sehr ehrlicher Wißbegier und mit einer ganz persönlichen Vorliebe für die Vergangenheit, was mit einer guten literarischen Bildung einhergeht, die er sich außerhalb der Welt aneignete, in der sich die sogenannten Intellektuellen normalerweise bewegen.“ Seine Personalien faßt ein Militäroffizier so zusammen: „Sie reisen mit einem zypriotischen Pass. Die letzte Beurkundung ist vor anderthalb Jahren abgelaufen und wurde in Marseille ausgestellt. Die vorhergehenden tragen den Stempel von Panama, Glasgow und Antwerpen. Als Beruf ist hier ‚Seefahrer‘ angegeben. Geburtsort: unbekannt. Ein Pass, der so aussieht, wirkt auf die Behörden eines Landes, das sich praktisch im Bürgerkrieg befindet, nicht gerade Vertrauen erweckend.“ Wir erfahren, daß seine Lieblingsautoren Chateaubriand, Balzac, Celine und Simenon sind. Im Anhang von „Das Gold von Amirbar“ gibt es eine kommentierte Liste seiner Lieblingsbücher und Anmerkungen zu seinen Lektüren.
Was wir aber auch nach über 800 Seiten nicht wissen, ist, wie Maqroll aussieht. Das überläßt der Autor vollkommen der Fantasie des Lesers.
Im Gegensatz dazu schwelgt Mutis in der Beschreibung der Frauenfiguren, er besingt sie in höchsten Tönen und bezauberndsten Farben. Warda z.B. beschreibt er so: „… großgewachsen, das Gesicht harmonisch, mit den ausgeglichenen Zügen einer mediterranen Orientalin, beinahe hellenisch. Die großen schwarzen Augen hatten einen langsamen, intelligenten Blick, in dem Eile oder eine zu offensichtliche Gefühlsregung auf undenkbare Art gestört hätte. Das schwarze, ins bläuliche spielende Haar, dick und schwer wie Honig, fiel ihr auf die geraden Schultern, wie die der Koroi im Museum von Athen. Die schmalen Hüften, deren sanfte Kurve in zwei lange, etwas füllige Beine überging, welche ebenfalls denen irgendwelcher Venusstatuen im Vatikanischen Museum glichen, gaben dem aufrechten Körper endgültig einen femininen Hauch, der sogleich ein gewisses knabenhaftes Aussehen vergessen ließ. Die üppigen, straffen Brüste vollendeten noch die Wirkung der Hüften.“
In „Das Gold von Amirbar“ liegt Maqroll anfangs malariakrank in einem drittklassigen Motel in Los Angeles. Von dort schafft ihn der Erzähler erst in ein Krankenhaus und nach seiner Genesung in das Haus seines Bruders im San Fernando Valley. Am Pool sitzend erzählt der Gaviero über mehrere Nächte verteilt seinen Zuhörern seine dramatischen Erlebnisse als Goldschürfer in den Anden, die in einer alten Indioweisheit kulminieren: „Es gibt kein Gold ohne Tote“. Wie in allen seinen Texten liefert Mutis großartige Landschaftsbeschreibungen und konfrontiert den Leser mit den Auswirkungen, die ein Bürgerkrieg hinterläßt. Das seit Jahrzehnten vom Bürgerkrieg heimgesuchte Kolumbien ist die immer präsente Folie dafür. Die Arbeit in den Minen ist ein Knochenjob, die nicht nur körperlich an die Substanz geht. Antonia, die dem Gaviero tatkräftig zur Seite steht und sich in ihn verliebt, weiß sich schließlich nicht anders zu helfen, als Maqroll mit Benzin zu übergießen und ihn anzuzünden. Am Schluß bleibt dem knapp dem Tod entronnenen Seemann nur die Erkenntnis, die ihm ein Schiffskapitän vorhält: „Leute wie Sie dürfen so wenig wie möglich auf dem Festland bleiben. Nie widerfährt ihnen dort etwas Gutes. Auch das Meer züchtigt sie oft, aber das ist nie dasselbe.“
In den beiden abschließenden Prosaarbeiten „Abdul Bashur und die Schiffe seiner Träume“ und „Triptychon von Wasser und Land“ gibt Mutis Auskunft über die Unternehmungen von Maqrolls bestem Freund Abdul Bashur, ohne sich „an eine strenge zeitliche Abfolge zu halten“. Er läßt Dokumente sprechen, die sich in seinem Besitz befinden und die er ordnen will mit der Absicht, „einige Episoden aus Abdul Bashurs Dasein wieder zum Leben zu erwecken. Viele dieser Abenteuer wirken in unserer unansehnlichen Gegenwart anachronistisch. Aber ich gebe mich der Illusion hin, dass ich, wenn ich die Vergangenheit meiner beiden Freunde aufrolle, ihnen damit vielleicht oberflächlich Gerechtigkeit widerfahren lasse, während es mir möglicherweise hilft, meine eigenen Sehnsüchte länger auszukosten.“
Der Leser erfährt, daß sich die beiden Freunde zeitlebens gesiezt haben. „Das Duzen wäre sozusagen eine Leichtfertigkeit oder Unbesonnenheit gewesen“, erklärt Maqroll, „die weder damals noch später zu unserem Alter und Charakter gepasst hätte.“ Viele Abenteuer mit oft haarsträubenden Situationen haben sie gemeinsam gemeistert, ihre Freundschaft war so unverbrüchlich, daß sie sich sogar in die gleiche Frau verlieben konnten, ohne auf den anderen eifersüchtig zu sein. Ilona war die große Liebe ihres Lebens. Mit ihrem schrecklichen Tod geht jeder anders um. Maqroll akzeptiert ihn als Prüfung des Schicksals. Bashur wird vollkommen aus seiner Bahn geworfen. „Getrieben vom uralten Atavismus seines Nomadenblutes, stieg Abdul auf diesem Weg wenn nicht noch tiefer, so doch zumindest in dieselbe abgrundtiefe Finsternis hinab, die Maqroll aufsuchte. Es war, als hätte er eine Bremse, einen Halt verloren, der ihn in seinem Hang zur Katastrophe in der Schwebe gehalten hatte.“
Mutis zählt eine ellenlange Liste von zweifelhaften Jobs auf, denen Bashur in den folgenden Jahren nachgeht. „Die Liste könnte beliebig verlängert werden, aber diese Auswahl mag reichen, um zu ermessen, bis auf welchen Grund von Unglück und Unbefangenheit unser Freund gelangte, derselbe elegante, unternehmenslustige libanesische Reeder, den ich Jahre zuvor in Uranda angetroffen hatte.“
Am Ende des Buches gibt es einen kurzen Dialog zwischen Maqroll und Bashur, in dem sie sich über das Leben und den Tod unterhalten. In diesen wenigen Seiten ist alles enthalten, an was die beiden glaubten und was sie angetrieben hat.
„Triptychon von Wasser und Land“ vereint drei Erfahrungen Maqrolls, die für ihn prägend waren. „Ich habe mich am Rand von Abgründen bewegt, gegen die der Tod ein Marionettenspaziergang ist.“ Alle Probleme auf diesem Planeten sind menschengemacht. Wenn die Welt von Vernunft regiert würde, könnten wir in annähernd paradiesischen Zuständen leben. Mutis‘ Seemänner kennen alle Winkel dieser Erde und wissen, daß wir davon sehr weit entfernt sind. „Das Verschwinden dieser Spezies wäre eine beträchtliche Erleichterung für das Universum“, resümiert Maqroll. „Kurz nach ihrem Aussterben würde unsere unheilvolle Geschichte dem völligen Vergessen anheimfallen. Es gibt Insekten, die in der Lage sind, weniger vergängliche und fatale Zeugnisse von ihrer Existenz zu hinterlassen als der Mensch.“
Die Saga endet trotzdem tröstlich und mit einem sehr emotionalen Kapitel über Hamil, den Sohn von Abdul Bashur, der dem auf Mallorca dahinvegetierenden Gaviero von dessen Mutter für ein Jahr zur Fürsorge übergeben wird. Das Zusammensein mit diesem Fünfjährigen weckt in Maqroll Gefühle, die er nicht gekannt hat. Er sieht ein Leben heranwachsen, spürt eine nicht für möglich gehaltene Verantwortung und weiß doch, daß eine Familie zu gründen nicht in seinem Naturell liegt. Kurz hatte er die Option, sich mit der Mutter des Jungen zu liieren, abgewogen, aber schnell wieder verworfen: „Ich wusste, dass später die Sehnsucht zurückkehren würde, um ihr gewohntes Werk zu verrichten, indem sie mich an ein Glück erinnerte, das nicht für mich bestimmt war.“
Eine Beziehung auf Dauer ist im Wesen von Maqroll nicht angelegt. Auch in der Liebe ist der Gaviero ein Freigeist. Mutis läßt seinen Helden immer wieder schnelle Abenteuer erleben mit Frauen, die seinen Weg kreuzen. Daneben gibt es eine handvoll starke und emanzipierte Frauen, mit denen er befreundet ist, die ihn aus brenzligen Situationen retten, auf die er sich auch erotisch einläßt, aber beidseitig ist immer klar, daß es keine Beziehung auf Dauer sein wird. Man genießt die Freuden des sexuellen Zusammenseins und geht dann wieder getrennte Wege, wenn das Gemeinsame anfängt, zur Routine zu werden. Ilona und Maqroll z.B. möchten nicht „der Langeweile eines resignierten Anpassungszustandes verfallen“ und beschließen harmonisch während eines Frühstücks, das gemeinsam geführte Bordell zu schließen. Wichtiger als der finanzielle Erfolg ist für beide, wieder neue „wahnwitzige Unternehmen zu starten“.
Mutis hat der Weltliteratur unvergessliche Frauen geschenkt wie Ilona Grabowska, Flor Estevez, Dora Estela, Amparo Maria, Dona Empera. Sie sind die eigentlichen Heldinnen in seinen Romanen. Sie sind großartige Gefährtinnen und Komplizinnen an der Seite seiner beiden Hauptfiguren Maqroll und Abdul Bashur und letztlich ihr Lebenselixier. Als Maqroll wieder einmal in einer scheinbar ausweglosen Situation ist, steigt Dora Estela kurzerhand in sein Bett und bringt ihn auf andere Gedanken. „So schloß sich die Regentin den Frauen an, denen ich diese tröstende Gewißheit verdanke, daß ich etwas gewesen bin in der Erinnerung von Menschen, welche mir den einzigen Grund zum Weiterleben vermittelt haben: die blendende Bezeugung der Sinne und ihr Einssein mit der Weltordnung.“
Die Sympathien des weltmännischen, weitgereisten und belesenen Mutis gehören den einfachen Leuten, den Bergbauern, den Chiva-Fahrern, den Kellnerinnen, den Zimmervermieterinnen, die alle redlich ihrer Arbeit nachgehen und doch vom Schicksal gezeichnet, der Willkür des Militärs und der Guerilla ausgeliefert sind und oft jung einen vollkommen sinnlosen Tod finden. Maqrolls Abenteuer sind nur möglich, weil er auf die Hilfe vieler seßhafter Menschen bauen kann. Wenn er dann weiterzieht, oft ein Kriegsgebiet hinter sich läßt, fragt er sich immer wieder dasselbe: „Was würde wohl aus Dora Estela werden, dachte ich, die mit dem Rücken zum Glück stand und doch so sehr bessere Tage verdient hatte, und was aus Antonia, deren Wahnsinn langsam aus ihren naiven erotischen Verirrungen entstanden sein mußte, die sie so besessen praktizierte. Und Tomasito, dessen untrügerische Intelligenz mich so zufrieden gestimmt hatte, und Eulogio mit seiner stammelnden Ausdrucksweise, die ihn zu Unrecht an den Rand einer gewitzten Welt drängte, mit der er bemerkenswert geschickt umging.“
Man kann alle sieben Bücher eigenständig lesen, aber den größten Lesegenuß hat, wer die Saga chronologisch liest. In den Büchern wird zeitlich hin- und hergesprungen, oft bleiben lose Enden. Diese klären sich, wenn man auf das Ganze zurückblickt. Bashur stirbt bei einem Flugzeugabsturz in Funchal, in dessen Hafen er den idealen Frachter vermutete, nach dem er ein Leben lang gesucht hatte und „dessen Proportionen, Formen und technische Details er auswendig wusste“. Über den Tod von Maqroll berichten diverse Quellen, darunter Gabriel Garcia Marquez, aber sein Tod wird niemals offiziell bestätigt. „Künstler und Abenteurer pflegen ihr Ende im Voraus so einzufädeln“, schreibt Mutis, „dass es von ihren Mitmenschen nie eindeutig zu enträtseln ist. Das ist das Privileg, das ihnen seit Orpheus dem Thaumaturgen und dem listenreichen Ulysses oder Odysseus zusteht.“
Der Tod ist das zentrale Thema in der Maqroll-Saga. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß Mutis erst im Alter von 63 Jahren mit dem Prosaschreiben begonnen hat. Den Großteil seines Lebens hatte er schon hinter sich. Er war zweimal verheiratet, Vater und Großvater geworden. Er hatte genug Lebenserfahrung angehäuft, um dieses große existenzialistische Alterswerk schreiben zu können.
Schon im ersten Roman erkennt Maqroll, daß er „zweifellos das geeignetste Opfer“ ist, „in eine solche Falle zu tappen, da ich mein Leben lang diese Art Abenteuer eingegangen bin, an deren Ende immer die gleiche Enttäuschung stand“. 2013 starb Mutis hochdekoriert (u.a. Prinz-von-Asturien-Preis und Cervantespreis) in Mexiko-Stadt. Damit ging ein erlebnisreiches Leben zu Ende. Mutis hatte vermutlich eine große Menschenkenntnis. Das Resümee, das Maqroll aus seinen vielen Niederlagen zieht, kommt daher nicht von ungefähr. „Und dennoch tröste ich mich immer wieder mit dem Gedanken, dass der Gewinn im Abenteuer selbst liegt und dass man keine andere Genugtuung suchen sollte als die, die verschiedensten Wege auf Erden auszuprobieren, die sich allerdings am Ende alle verdammt ähnlich sehen. Und trotzdem lohnt es sich, die Welt zu durchstreifen, um die Langeweile und den eigenen Tod zu vertreiben, jenen, der nur uns gehört und der darauf wartet, dass wir ihm ins Gesicht sehen und ihn annehmen.“ So spricht kein Verlierer, sondern einer, der den Sinn des Lebens gefunden hat.
Alvaro Mutis: Die Abenteuer und Irrfahrten des Gaviero Maqroll, Unionsverlag 2005
April 2025 (unveröffentlicht)