Frauen kommen gewaltig
Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis so umhöre und meine eigenen Erfahrungen heranziehe, dann muß ich schlußfolgern: die meisten Frauen haben keinen Mut, sich zu ihren sexuellen Phantasien und Wünschen zu bekennen. Mir scheint das vor allem ein Ergebnis des „Sack-und-Asche-Feminismus“ (Julie Burchill) der siebziger Jahre zu sein, der Frauen regelrecht verbot, Dinge gut zu finden, aus denen Männer eventuell auch Nutzen ziehen könnten. Alle Unterdrückung schafft aber zwangsläufig, Gott sei Dank, auch Gegenbewegungen.
Seit ein paar Jahren tauchen vermehrt Autorinnen auf, die mit ihren Büchern, in denen sie sexuelle Facetten thematisieren, für viel Wirbel sorgten. Ohne falsche Scham, provokant und tabulos haben zum Beispiel Kathy Acker, Jenny Diski, Julie Burchill, Emmanuele Bernheim oder jetzt Almudena Grandes mit ihren „Frauenpornos“ erregte Diskussionen ausgelöst. Auffällig – das nur am Rande – im deutschsprachigen Raum gibt es dazu bisher nichts Vergleichbares. Hilka Nordhausen könnte es zwar mit ihren Kolleginnen locker aufnehmen, aber kein deutscher Großverlag scheint an ihr Interesse zu haben.
Von allen Hardcore-Autorinnen schießt die Spanierin Almudena Grandes mit „Lulu” den Vogel ab. Sie wagt sich so weit in die Tabuzonen vor, daß die moralinsauren großdeutschen Sittenapostel aus Angst um ihre Herzschrittmacher scheinbar bisher ihre Zensurnasen noch nicht in dieses Buch zu stecken wagten. Anders ist nicht erklärbar, warum diese Geschichte um Cunnilingus, Fellatio, Blow-Jobs, Inzest, Vergewaltigung, Prostitution, Folterung, Masturbation, Sexspiele abenteuerlichster Art hierzulande nicht längst auf dem Index gelandet ist.

Die Geschichte selbst ist dabei gar nicht so außergewöhnlich. Die fünfzehnjährige Lulu verliebt sich in den zwölf Jahre älteren Pablo, den besten Freund ihres Bruders Marcelo, der für sie gleichzeitig bester Freund und eine Art Elternersatz ist. Die Beziehung von Lulu und Pablo steht von Anfang an in einem Aspekt unter einem günstigen Stern: Lulu liebt es, die Lolita zu spielen, und Pablo vögelt gerne mit „verdorbenen kleinen Mädchen“ und lehrt seinen Gespielinnen frühzeitig: „Schließlich muß Sex, ich meine, vögeln, vögeln allein, nicht notwendigerweise mit Liebe zu tun haben, das sind in der Tat zwei vollkommen verschiedene Sachen…”. Grandes erzählt die Geschichte der beiden über die Dauer von annähernd zwanzig Jahren. Vor dem Hintergrund der Franco-Diktatur erhält das Auf und Ab dieser Beziehung, die Schwangerschaft, Ehe und Scheidung erlebt und im nonkonformistischen Studenten- und Subkulturmilieu angesiedelt ist, seine politische Brisanz.
Lulu und Pablo durchleben das übliche Angezogensein und Überdrüssigwerden vieler Beziehungen. Außergewöhnlich an ihrer Kiste ist nur, daß sie sich einer ganz alten Tatsache bewußt sind: guten Sex gibt es nur, wenn man über seine Bedürfnisse und Wünsche miteinander offen redet. Beide haben eine ausgesprochen blühende sexuelle Phantasie und besitzen den Mut, ihre Ausschweifungen auch zu realisieren. „Die Erinnerung an die Gewalt verlieh meiner Lust eine unwiderstehliche Nuance, die mich überwältigte und ein furioses Ende auslöste.”
„Lulu“ wurde 1989 mit dem für erotische Literatur verliehenen ‚Das vertikale Lächeln“-Preis ausgezeichnet. Davon sollte man sich nicht täuschen lassen: dieser Roman bietet allenfalls biedere, konventionelle literarische Hausmannskost. Bedeutend ist dieses Buch meiner Meinung nach lediglich in politischer Hinsicht. Almudena Grandes erobert mit ihrer fiktiven Geschichte Neuland für Frauen, ist Wegbereiterin für eine Emanzipation in bisher unerschlossenem Terrain. Ihr Buch ist hochkarätig dazu geeignet, konstruktiv-kontroverse Diskussionen anzuheizen.
Es muß ja nicht gleich in jeder Beziehung immer so knallhart, extrem und gewalttätig zugehen wie in „Lulu“, aber aus Sicht der emanzipierten Männer wäre zu begrüßen, wenn sich die Frauen tatsächlich auch noch auf einem der letzten tabuisierten Gebiete befreien und endlich den Mut finden würden, sich zu ihren erotischen Wünschen, Träumen und Sehnsüchten zu bekennen. Das wäre das Ende der Langeweile im Bett.
Almudena Grandes: Lulu. Die Geschichte einer Frau, Galgenberg, 264 Seiten, 39.80 Mark
Erstdruck in 1990