Nothing to fear except the fear itself
Die Berlinale 1991 präsentierte eine ganz neue Seite des finnischen Kultstars Aki Kaurismäki. Er wehrt sich jetzt gegen das Image vom gutmütigen Clown, vom ewig besoffenen Genie. Er hat die Faxen dick, will ernst genommen werden und in Zukunft keine Interviews mehr geben.
RÜGER: Henri, der Held von “I hired a contract killer”, Ihres neusten Films, hat beschlossen zu sterben. Durch eine Kette von außergewöhnlichen Zufällen revidiert er seine Entscheidung. Hält das Leben in wichtigen Situationen immer solche Zufälle bereit?
KAURISMÄKI: In meinen Träumen, ja. Im Kino kann das so passieren. Im wirklichen Leben ist es wohl anders, die Unmenge von Selbstmorden in der Welt spricht dagegen. Im richtigen Leben passiert das nicht oft. Das wirkliche Leben ist dokumentarisch, das hier ist nicht dokumentarisch, sondern Fiction.
Henri sagt an mehreren Stellen im Film: “Ich hätte besser gar nicht zur Welt kommen sollen.” Ist das Leben tatsächlich so schlimm?
KAURISMÄKI: Für mich ist es so, und das ist ein autobiografischer Film.
Wie würden Sie Ihre eigene Lebensphilosophie definieren?
KAURISMÄKI: Philosophie ist irgendetwas weit hinter meinem (er tippt sich gegen die Stirn). Ich bin nicht besonders clever. Ich wäre glaube ich ganz gern ein Optimist. Auch wenn es nicht so scheint. Es sieht alles sehr pessimistisch aus, aber ich hoffe, es ist optimistisch. Sie wissen das besser als ich. Ich glaube, das weiß jeder besser. Es ist das gleiche Problem, das wir alle haben. Wir haben den Frieden zu finden, weil das nicht passiert, mache ich Filme, aber das macht mich auch nicht schlauer, was diese Frage betrifft. Nobody knows.
Was macht das Leben lebenswert?
KAURISMÄKI: Der Respekt vor der Natur. Der Respekt vor Bäumen, vor Pflanzen, Respekt vor Tieren. Wir sollten jeden Tag einen Baum pflanzen. Eine Eiche zum Beispiel. Eichen sind meine Lieblingsbäume. Ich pflanze des öfteren eine. Respekt vor allem, was wir haben und was nicht durch den menschlichen Geschäftssinn verdorben wurde.
Ist Selbstmord eine legitime Möglichkeit, seine Probleme zu lösen?
KAURISMÄKI: Ich kenne die deutschen Gesetze nicht.
Ich meinte das eher in einem philosophischen, moralischen Sinne.
KAURISMÄKI: Ich akzeptiere das. Ich denke selbst oft an Selbstmord. Für mich wäre es eine legitime Möglichkeit, wenn es keinen anderen Ausweg gibt.
Welches ist die schönste Art, Selbstmord zu begehen?
KAURISMÄKI: Die schönste Art ist, es nicht zu tun.

Henri möchte in dem Moment nicht mehr sterben, in dem er sich verliebt. Ist die Liebe ein Allheilmittel?
KAURISMÄKI: Yeah, wahrscheinlich schon, wenn man damit nicht die Hollywoodliebe meint. Ich meine die Liebe, über die wir gerade gesprochen haben, die Liebe zur Natur und zu sich selbst. Man kann eigentlich nur versuchen, sich selbst zu lieben, das ist nicht kriminell, und mit den anderen auszukommen. Ich denke, das wäre eine Lösung.
Aber ich kann es nicht besser machen. Ich weiß auch nicht, was ein Allheilmittel ist. Imaging. John Lennon hat sich Dinge vorgestellt. Wenn wir uns umschauen, wenn wir die Zeitungen lesen, sieht es nicht gut aus für die Welt. Ich bin kein Zenbuddhist oder etwas ähnliches. Ich glaube nicht, daß wir hinter die Zeitmarke zurückkehren können, wo die Menschen angefangen haben, Maschinengewehre zu bauen, um sie tausendfach zu verkaufen. Es wird immer Leute geben, die den Krieg brauchen, um noch mehr Geld anzuhäufen. Auf der anderen Seite nützt es nichts, herumzugehen und “Love, Love, Love” zu singen, “Love is the answer”. Ich glaube nicht daran, daß sie auf dich hören werden. Wenn jemand tatsächlich ehrlich zu dieser Welt sein will, hilft im Grunde nur der Versuch, die Natur, sich selbst und die anderen ein bißchen zu lieben.
Sie setzen die Liebe in Ihren Filmen immer sehr funktional, sehr praktisch ein. Wo bleibt die Romantik?
KAURISMÄKI: Ich dachte immer, daß meine Filme die romantischsten sind. Ich denke, das ist eine sehr ehrliche Romantik. Sie sind vielleicht nicht im Sinne von Hollywood romantisch, aber romantisch sind sie irgendwie trotzdem.
In Ihren Filmen gibt es keine aufregenden Sexszenen. Warum nicht?
KAURISMÄKI: Weil das privat ist. Wenn du Liebe machen willst, machst du das normalerweise zu Hause. Ich denke, es ist nicht sehr gut, ins Kino zu gehen, um das zu sehen. Ich gehe damit anders um, als das Hollywoodfilme machen, in denen es immer dasselbe ist. Manchmal glaube ich, es gibt in Hollywood ein Geschäft, wo sie dir verkaufen, wieviel Liebesszenen du in einen Film einbauen mußt, damit er sich leichter verkaufen läßt. Mich langenweilen diese Filme außergewöhnlich. 25 Sekunden Liebesszene. Ich gehe immer, wenn eine Liebesszene kommt, aus dem Kino und rauche eine Zigarette. Das ist doch immer das gleiche, so wie es sich junge, kleine Regisseure und Produzenten vorstellen. Die meinen, sie müßten unbedingt noch eine Liebesszene einbauen, weil das Publikum eine Liebesszene möchte. Und wie sehen diese Liebesszenen dann aus. Zwei Leute im Bett, die Aktion machen, und dann geht die andere Geschichte weiter. Es sieht immer langweilig aus, weil man in den Szenen keine Liebe vermittelt bekommt. Niemand liebt da irgendwen, die Schauspieler ziehen vielleicht ihre Kleider aus, das war’s. Wir sehen ihre leidenschaftlichen Gesichter, die uns etwas vorheucheln, weil es keine größere Heuchelei gibt, als auf diese Weise eine Liebesszene zu filmen.
Ich mag, wie früher die alten Meister, Renoir oder Bunuel zum Beispiel, mit Liebesszenen umgegangen sind. Wenn in ihren Filmen eine Liebesszene angefangen hat, dann haben sie abgeblendet, und man sah danach vielleicht zwei Hähne miteinander kämpfen. Das ist in Ordnung.
Lubitsch war in dieser Beziehung grandios.
KAURISMÄKI: Das ist richtig. Lubitsch ist in dieser Beziehung der allergrößte überhaupt. Die Ideen, die sie damals hatten, waren äußerst einfallsreich: Wie erzähle ich das, was passiert, ohne zwei Menschen im Bett zu zeigen.
Sie setzen immer Schauspieler ein, die aussehen wie Du und ich. Warum verwenden Sie keine Hollywoodschönheiten?
KAURISMÄKI: Es gibt eine Frage, die ich immer wieder höre: Warum sind die Menschen in deinen Filmen so häßlich?
Ich finde nicht, daß sie häßlich sind.
KAURISMÄKI: Ich habe das schon verstanden. Ich höre nur, daß man sagt, sie seien so entsetzlich häßlich. Und ich denke, Scheiße, die sind nicht häßlich. Okay, sie haben Pickel auf der Nase und stammen nicht aus einem Christian-Dior-Katalog. Aber das bedeutet nicht, daß sie häßlich sind. Ich will normal aussehende Menschen einsetzen. Für mich sind alle meine Charaktere immer sehr schön. Es hat mich immer sehr verletzt, wenn mir Leute gesagt haben, daß sie häßlich aussähen. Sie sind meine besten Freunde. Sie sind hübsch und gutaussehend. Aber natürlich haben sie keinen Puder auf der Nase und keine Chemikalien in ihrem Gesicht. Ich verwende niemals Makeup in meinen Filmen, nie. Wenn jemand eine große Nase hat, dann hat er eine große Nase, es gibt keinen Grund, ihm mit Hilfe von Puder eine kleinere Nase zu machen. Ich denke, die Schönheit eines Menschen kann man in seinen Augen erkennen.
Warum haben Sie für “I hired a contract killer” Jean-Pierre Léaud und Serge Reggiani engagiert?
KAURISMÄKI: Ich war immer ein Fan von Jean-Pierre Léaud, ich wollte ihn unbedingt in einem meiner Filme haben.
Kann man das auch als Reminiszenz an das Kino, das Sie lieben, interpretieren?
KAURISMÄKI: Ja, ich bin ein Kinoverrückter. Ich mag die Kinogeschichte, und einige Teile davon mag ich besonders. Serge Reggiani ist im Film, weil ich denke, daß “Casque d’or” von Jacques Becker der beste Film ist, der je gedreht wurde. Ich dachte, es wäre schön, diese beiden Schauspieler in einem Film zu vereinen. Das hat für mich auch etwas Legendäres. Ich habe versucht etwas zu machen, was das Gefühl der Melancholie vermittelt: Wir haben die alten Zeiten verloren und werden sie nie zurück bekommen. Ich bin ein sentimentaler Mensch, deshalb habe ich die beiden engagiert.
Sie leben jetzt in Griechenland, drehen in London und Paris, arbeiten aber weiterhin mit Ihrer finnischen stock company. Soll das so bleiben?
KAURISMÄKI: Ja, ich arbeite mit meinen Freunden. Und das sind natürlich Finnen, weil ich dort jahrelang gelebt habe. Wir sind eine gute Mannschaft, deshalb gibt es für mich keine Gründe, sie auszuwechseln. Wir arbeiten seit zehn Jahren zusammen. Im übrigen stimmt es nicht ganz, daß meine Crew finnisch ist. Mein Beleuchter ist Deutscher, mein Ausstatter ist Engländer, mein Kameraassistent ist Brasilianer, die anderen sind allerdings Finnen.
Warum haben Sie Finnland verlassen?
KAURISMÄKI: Das ist eine sehr gute Frage. Um das zu beantworten, müßte ich ganz weit ausholen. Wollen Sie wirklich, daß ich darauf antworte?
Gibt es dafür so viele Gründe?
KAURISMÄKI: Ich habe Finnland eigentlich nicht richtig verlassen. Ich bin jeden Sommer dort. Ich habe dort ein Haus, mein Büro ist in Finnland, mein Kino ist dort, ich habe Finnland nicht grundsätzlich verlassen. Aber warum ist es für mich unmöglich, das ganze Jahr über dort zu leben? Das ist wirklich eine gute Frage.
Was stört Sie am heutigen Finnland am meisten?
KAURISMÄKI: Ich muß da wieder auf die Natur zurückkommen. Ich muß mit ansehen, wie sie die wunderschönen Wälder abroden. Es ist für mich einfach zu schwer, jeden Tag zuschauen zu müssen, wie sie die schönen Bäume umsägen. Es gibt heute nicht mehr diesen Frieden in der Natur, wie wir ihn in den Sechzigern noch hatten. Es war für mich zu schwer, diese Zerstörung voranschreiten zu sehen. Das ist der Grund, warum ich manchmal raus muß.
Wären Sie damit einverstanden, wenn ich sage: Ihre Helden sind Verlierer, aber auch Rebellen?
KAURISMÄKI: Jeder ist ein Verlierer, außer den Bankern. Meinetwegen: Sie sind Verlierer. Ich mache Filme über Verlierer, weil ich selbst ein Verlierer bin. Ich weiß, was es heißt, ein Verlierer zu sein.
Aber sie sind auch Rebellen.
KAURISMÄKI: Sie sind Verlierer und Anarchisten.
Wieso kennt die Arbeiterklasse kein Vaterland?
KAURISMÄKI: Haben Sie je ein Vaterland der Arbeiterklasse gesehen? Das existiert nicht. Der Satz stammt von Marx. Er ist in seinem Sinn natürlich richtig, aber im Film habe ich den Satz als einen melodramatischen Witz eingesetzt. In diesem Satz steckt keine Hoffnung, aber er hat im Film keinen praktischen Sinn, er ist als Witz gedacht.
Warum sind Ihre Filme immer so kurz?
KAURISMÄKI: Meine Filme sind nicht kurz, die anderen Filme sind lang.
Was halten Sie von Regisseuren, deren Filme 2-3 Stunden lang sind?
KAURISMÄKI: Grundsätzlich ist das für mich okay, aber sie können von mir als Zuschauer nicht erwarten, daß ich mir ihre Filme anschaue. Ich will sie nicht sehen, weil ein Film 90 Minuten lang ist und nicht mehr. Okay, manchmal, wenn man Filme macht, die eine ganze Epoche umspannen, können sie zweieinhalb oder mehr Stunden lang sein. Bei Werken wie “Vom Winde verweht” oder “Ben Hur” ist das in Ordnung. Wenn man Filme macht, die zweieinhalb Stunden dauern, sollte man etwas zu erzählen haben, leider gibt es immer weniger, die wirklich etwas zu sagen haben, deshalb ist es besser, sie kurz zu halten. Man darf das Publikum nicht allzu sehr malträtieren.
Henris Leben ändert sich vollkommen in dem Moment, wo er den Genüssen des Lebens zuspricht: Alkohol, Zigaretten, Sex. Können nur genußfähige Menschen das Leben aushalten?
KAURISMÄKI: Für mich sind Alkohol und Zigaretten sehr wichtig. Ich rauche täglich sechs Päckchen. Und ich trinke manchmal einige Flaschen. Ich brauche das, für mich ist das das wirkliche Leben. Aber für meine Frau zum Beispiel ist es das nicht. Es sind total andere Dinge. Aber wenn man ein Hollywoodmelodrama dreht, ist das ein altes Klischee. Humphrey Bogart qualmt viel und sagt: Du brauchst nur zu pfeifen, Baby. Ich verwende diese Klischees manchmal, weil ich das als Zuschauer mag. Ich mag es, wenn Lauren Bacall zu Humphrey Bogart sagt: Du weißt, wie man pfeift? Natürlich ist Leben in diesem Sinn Kinoleben. Das wirkliche Leben ist meistens ganz anders. Man kann das Leben auch genießen, ohne jemals Alkohol getrunken oder Zigaretten geraucht zu haben. Henris Leben war total langweilig, es hat eigentlich überhaupt nicht existiert, bevor er diese Frau getroffen hat. Rein zufällig hat er zur gleichen Zeit auch den Genuß des Alkohols entdeckt.
Charles Bukowski sagt: “Trinken läßt Dinge passieren.” Was bewirkt das Trinken bei Ihnen?
KAURISMÄKI: Ich denke, ich arbeite am besten, wenn ich überhaupt nicht trinke. Andererseits: Ich mache jetzt seit zehn Jahren Filme, und die besten Ideen dafür, wir reden jetzt nicht über gute oder schlechte Ideen, aber die besten sind mir immer in einer Bar gekommen, wenn ich ein Glas in meiner Hand hatte und allein war. So gesehen, würde ich sagen, es hat etwas damit zu tun, daß ich ein Glas in der Hand habe. Vielleicht.
“Leningrad Cowboys go America” ist meiner Meinung nach ein schwacher Film …
KAURISMÄKI: Das ist ein Meisterwerk.
Ein Meisterwerk?
KAURISMÄKI: Meiner Meinung nach, ja.
Äh, mmhhh, äh
KAURISMÄKI: Sie sind zu jung, um das zu verstehen. (lacht)
Gut, dann erübrigt sich diese Frage. – In einem Interview haben Sie gesagt, Sie würden Ihre Filme nie zu einer Oscarwahl schicken. Warum nicht?
KAURISMÄKI: Das gilt nicht nur für die Oscarnominierung. Ich werde keinen meiner Filme mehr in einen Wettbewerb schicken. Ich habe diesen Fehler zwei, drei, vier Mal gemacht und gesehen, was das anrichtet. Filmfestivals sollten für Leute sein, die Filme lieben. Wenn man Filme Wettbewerben aussetzt, geht die Liebe verloren. Die einzige Frage ist dann noch: Wer wird gewinnen? Das zerstört den ganzen Spaß. Selbst wenn sie es gar nicht wollen, kämpfen sie doch in gewisser Weise alle um einen blöden Preis. Deshalb werden meine Filme nie mehr in irgendeinem Wettbewerb laufen.
Welche Art von Musik mögen Sie am liebsten?
KAURISMÄKI: Blues und Tango. Finnischen Tango, keinen argentinischen. Der argentinische Tango ist ein Plagiat des finnischen. Der finnische Tango ist das Original.
Francis Ford Coppola nennt seinen selbstgezüchteten Wein »Rubicon«. Wie werden Sie Thren selbstangebauten Wein nennen?
KAURISMÄKI: The walk over the red sea.
In Europa genießen Sie Kultstatus. Was ist das für ein Gefühl, ein Star zu sein?
KAURISMÄKI: Es ist der reine Horror. Ich will kein Star sein, und es hilft mir auch nichts, wenn man mich so nennt. Ich möchte mit meinem Hund Gassi gehen und in aller Ruhe in einer Bar einen Trink nehmen können. Ich denke, vielleicht mache ich mal einen ganz schlechten Film, einen totalen Flop, und dann werden alle sagen: Und dem haben wir getraut, wir haben’s ja schon immer gewußt, eigentlich taugt dieser Regisseur nichts. Dann werde ich in Frieden leben können.
Herr Kaurismäki, ich bedanke mich für das Interview und hoffe, daß wir noch viele Filme von Ihnen zu sehen bekommen.
KAURISMÄKI: Ich bedanke mich bei Ihnen dafür, daß Sie so viel Interesse für meine lausigen Filme aufgebracht haben.
Berlin, Februar 1991